Mittwoch, 11. Januar 2012

Düster und ziemlich hart: Larison in Kalifornien

Barry Eisler
The Lost Coast
A Larison Short Story
Kurzgeschichte
ca. 6.600 Wörter
Sprache: Englisch

Erhältlich als Kindle-Edition bei Amazon für 2,68 Euro




Eine Bar in einer verschlafenen Kleinstadt an der amerikanischen Westküste: Ein Unbekannter auf der Durchreise, der eigentlich nur etwas trinken und anschließend in sein trostloses Hotelzimmer zurückkehren will. Doch dann fällt sein Blick auf einen der Pooltische. Was er sieht, lässt seinen Puls schneller schlagen. Das Objekt seiner Begierde hat kurze braune Haare, weiche Haut und wunderbar volle Lippen. Erst werden verheißungsvolle Blicke gewechselt, dann schüchterne Worte, und kurz darauf verlässt der Mann mit seiner unverhofften Eroberung die Bar. Alles deutet auf eine aufregende Nacht hin. Aber die Vorfreude verfliegt jäh: Als die beiden eine enge dunkle Gasse passieren, taucht vor ihnen plötzlich ein Schläger auf, grinsend und mit einem Eisenrohr in der Hand. Und hinter ihnen ein zweiter. Sie sitzen in der Falle...

Barry Eisler hat seinen neuen Helden Daniel Larison, der noch weitaus düsterer daherkommt als der japanisch-amerikanische Auftragskiller John Rain, erstmals in seinem grandiosen Thriller "Inside Out" auftreten lassen. In der sich zeitlich daran anschließenden Kurzgeschichte "The Lost Coast" - Eislers erster Short-Story, der später "Paris Is A Bitch" folgte - hat es Larison an die amerikanische Westküste verschlagen. Noch immer ist er auf der Flucht, nicht nur vor seinen Verfolgern, sondern auch vor den Alpträumen, die ihn regelmäßig heimsuchen. Vor einer weiteren schlaflosen Nacht will er einfach nur ein Bier trinken gehen. Kurz darauf nimmt das Unheil seinen Lauf.

Auf seiner Homepage hat Eisler übrigens vermerkt:

Warning: this story is intended for mature audiences, and contains depictions of sexual activity, though perhaps not in the way you're expecting.

Der Hinweis ist berechtigt, obgleich der mit Larison durch "Inside Out" bereits vertraute Leser nicht unbedingt überrascht sein wird. Die Story ist in sich abgeschlossen, aber ich empfehle dennoch, sich zuvor den Thriller "Inside Out" zu Gemüte zu führen, weil Larisons Attitüde so nachvollziehbarer wird. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht härter und düsterer als die John-Rain-Reihe, und das gilt auch für die anschließende Kurzgeschichte. Ähnlich wie "Paris Is A Bitch" ist sie mir eigentlich schon zu düster. Das Grundszenario ist an sich ein typisches Eisler-Szenario, wie man es aus vielen Rain-Büchern kennt, aber die verschiedenen Dämonen Larisons sorgen für einen schalen Beigeschmack. Nichtsdestotrotz ist "The Lost Coast" ein lohnender Appetithappen für zwischendurch.

Der Titel der Kurzgeschichte geht übrigens auf die Bezeichnung einer Region in Nordkalifornien zurück. Das sehr schön gestaltete Cover passt perfekt dazu, obgleich es ein wenig irreführend ist. Denn das Geschehen spielt sich ausschließlich in einer miefigen Kleinstadt ab, die überall in Amerika liegen könnte. Die wilde, unberührte Küste des Covers bleibt für Larison ebenso unerreichbar wie eine Nacht ohne Dämonen. Als Ergänzung zu der Kurzgeschichte gibt es ein Interview Barry Eislers mit seinem Kollegen Joe Konrath und einen Auszug von Eislers neuestem Thriller "The Detachment".
Link
Fazit: Hart, düster, brutal, aber für Eisler-Fans dennoch lesenswert!

Mittwoch, 30. November 2011

Leider ohne die gewohnte Leichtigkeit: John Rain in Paris

Barry Eisler
Paris Is A Bitch
A Rain/Delilah Short Story
ca. 11.000 Wörter
Sprache: Englisch

Erhältlich als Kindle-Edition bei Amazon
und in weiteren Formaten bei
Smashwords ab 2,49 $




Thriller-Autor Barry Eisler, Erschaffer des sympathischen Auftragskillers John Rain, hat vor einigen Monaten mit seinem Kollegen Joe Konrath ein sehr ausführliches und ebenso provokantes Gespräch über die Zukunft des E-Books, der Verlage und des Selfpublishings geführt. Beide gehen davon aus, dass das klassische Papier-Buch der Vergangenheit angehört und Autoren künftig den durch E-Books dramatisch erleichterten Weg der Selbstvermarktung gehen werden, weil dies finanziell deutlich lukrativer sei. Eisler hat seinen Worten auch Taten folgen lassen und ein 500.000-$-Angebot seines bisherigen Verlages abgelehnt, um sein neues Buch in Eigenregie herauszubringen. Konrath, der mit seinen Jack-Daniels-Thrillern in Printform zuvor mit sinkenden Auflagen zu kämpfen hatte, feierte als reiner E-Book-Autor ein spektakuläres Comeback mit über 250.000 verkauften E-Books (Stand: April 2011), der Großteil davon eigenen Angaben zufolge binnen weniger Monate.

Anders als in Amerika hat das E-Book in Deutschland - zur Erleichterung vieler - noch keinen durchschlagenden Erfolg. Einmal abgesehen davon, dass zumindest jene, die ohnehin tagtäglich im Büro auf einen Bildschirm starren, vielleicht nicht unbedingt auch in ihrer Freizeit noch am elektronischen Papier kleben wollen, sind E-Books auch mit weiteren Nachteilen verbunden. So schön die bei Amazon oder Smashwords zu sehenden Cover oft sind, das Buch selbst kommt jedenfalls bislang als schnödes Schwarz-Weiß-Dokument daher. Und Risse, Knicke, Weinflecke - sprich: Patina - oder überbordende Regale unterschiedlich großer, eigenwillig aneinandergereihter Bücher sind im Zeitalter des E-Books nur noch eine schöne Erinnerung.

Aber auch all diese nostalgische Überlegungen ändern leider nichts daran, dass verschiedene Werke - etwa bestimmte Kurzgeschichten - nur noch in E-Form bzw. bestenfalls im ausdruckbaren PDF-Format erhältlich sind. Hierzu zählt auch "Paris Is A Bitch", eine neuere Kurzgeschichte Barry Eislers, die zu einem weiteren Zusammentreffen John Rains und der israelischen Spionin Delilah führt, die in "Der Verrat" ihren ersten Auftritt hatte. Zum Inhalt nur soviel: Rain und Delilah haben nichts weiter im Sinn als ein romantisches Abendessen in Paris, als der stets vorsichtige Profikiller außerhalb des Restaurants verdächtige Gestalten bemerkt, die es offenbar auf ihn und/oder seine Begleiterin abgesehen haben. Schon bald ist er sich sicher: Die Männer warten auf ihn und Delilah. Aber wieso? Ein Anschlag? Eine Entführung? Und wie nun weiter? Sie sitzen in der Falle...

Die Idee ist reizvoll, aber ihre Umsetzung hat mich unter dem Strich ein wenig enttäuscht. Denn ihr fehlt die Leichtigkeit, die Unbeschwertheit, die Eislers Bücher sonst gerade auszeichnet. Es ist ja gar nicht so einfach, einen Profikiller zu einer sympathischen Figur zu machen, dessen Unternehmungen der Leser letztlich sogar Erfolg wünscht. Eisler gelingt dies auf höchst beeindruckende Weise. Umso mehr fällt auf, wenn sich eine Geschichte dann relativ schwer daherschleppt und nach dem Lesen ein etwas bitterer Nachgeschmack bleibt.

Noch ein Wort zum Design und zum Umfang. Das Cover hat mich - anders als das zu Eislers Kurzgeschichte "The Lost Coast" - ebenfalls nicht ganz überzeugt. Die Farben zu düster und zu wenig aufeinander abgestimmt, die Schrift zu sperrig, zu viele verschiedene Schriftarten - irgendwie passt es nicht. Das E-Book selbst hat - als PDF-Dokument - dreißig Seiten, die meines Erachtens ebenfalls ein wenig zu lieblos gestaltet sind. Die Kurzgeschichte selbst umfasst etwa dreizehn Seiten, der Rest sind Buchtipps und - diese Idee fand ich sehr gelungen - persönliche Sicherheitshinweise von Barry Eisler, der früher immerhin für die CIA arbeitete.

Fazit: Barry Eisler unternimmt einen interessanten, wenngleich nicht ganz überzeugenden Ausflug in die Welt der ausschließlich elektronisch vertriebenen Kurzgeschichten.

Montag, 10. Oktober 2011

Informativ, aber ein wenig zu steril: Football Dynamo

Marc Bennetts
Football Dynamo - Modern Russia And The Peoples Game
Taschenbuch
Random House 2009
304 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 8,99 GBP

Bei Amazon erhältlich für 10,99 Euro, bei Amazon-Marketplace ab 6,09 Euro zzgl. Porto


Spätestens mit dem spektakulären Wechsel Kevin Kurányis zu Dynamo Moskau im Sommer 2010 geriet die russische Premier League auch hierzulande etwas mehr in den Blickpunkt. Die Sowjetunion brachte zwar Ausnahmekönner wie Lew Jaschin und Oleg Blochin hervor, aber die Weltsportart Nummer eins hatte und hat es dennoch schwer im Riesenreich zwischen Wolga und Ural. Die sechzehn Vereine der Premier League können im Schnitt gerade einmal acht- bis zwanzigtausend Zuschauer begrüßen. Ähnlich wie die amerikanische Major League Soccer sieht sich auch die russische Premier League mit Herausforderungen wie extrem langen Reisen zu Auswärtsspielen in verschiedenen Klima- und bis zu acht Zeitzonen konfrontiert, erstreckt sie sich doch von Kaliningrad bis nach Chabarowsk. Genau wie in Amerika lief auch die Saison in Russland bislang von Frühjahr bis Herbst. Dies soll sich mit der Übergangssaison 2011/12 hin zu einem europäischen Modus indes ändern.

Erfreulicherweise kommt der ehemalige Schalker Nationalstürmer Kevin Kurányi in Moskau außerordentlich gut zurecht: 2010 wurde er bei Dynamo zum Spieler der Saison gewählt, und in der laufenden Serie – sein Team steht derzeit auf Platz drei – war er bereits an sechzehn Toren als Vollstrecker oder Vorbereiter beteiligt. Neben Kuranyi spielen übrigens auch andere Stars wie Samuel Eto’o, Welliton oder Emmanuel Emenike in der Russian Premier League. Ermöglicht wird dies durch die hinter den Vereinen stehenden Großkonzerne und Oligarchen. Kevin Kurányi soll in Moskau angeblich 5,7 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Bereits etliche Jahre vor seiner Verpflichtung versuchte Dynamo, vor allem gestützt auf einen Sponsorenvertrag mit Xerox, den Erfolg zu kaufen: Für über 100 Millionen Dollar wurden neun portugiesische Topspieler, unter ihnen Maniche und Costinha, an die Moskwa geholt. Der vom mächtigen Konzern Gazprom unterstützte Klub Zenit Sankt Petersburg investierte 2006 über 50 Millionen Dollar in neue Spieler. Angesichts derartiger Zahlen gilt die Liga einigen inzwischen als das neue Eldorado. Grund genug, sich ein wenig intensiver mit dem russischen Fußball zu befassen.

Einen ersten Einstieg bietet hier der britische Journalist Marc Bennetts mit seinem 2008 erschienen Buch „Football Dynamo – Modern Russia And The Peoples Game“, das die Entwicklung der Premier League nach dem Zerfall der Sowjetunion und die Rolle der russischen Nationalelf beleuchtet. Bennetts beginnt mit der Hauptstadt Moskau, in der unter anderem die Traditionsklubs Spartak, Dynamo, ZSKA, Lokomotive und Torpedo beheimatet sind. Dann zieht er weiter nach St. Petersburg und schließlich in die Provinz und berichtet gleichzeitig, wie sich der russische Fußballverband nach etlichen Misserfolgen im Sommer 2006 schweren Herzens zur Verpflichtung eines Ausländers - Guus Hiddink – durchrang und erste Anfangserfolge bei der Europameisterschaft 2008 feierte. Er spricht über Eintrittsgelder und die Einge-wöhnungsschwierigkeiten ausländischer Spieler, lässt Fans zu Wort kommen und nimmt sich auch so brisanter Themen wie etwa dem „Match-fixing“ an. Bis heute wird der russische Fußball immer wieder von tatsächlichen und vermeintlichen Bestechungsskandalen und Ergebnisabsprachen erschüttert. Allerdings widmet Bennetts dieser Problematik so viel Raum, dass man nahezu die Lust verliert, sich noch weiter mit der Liga zu beschäftigen.

Der Leser erhält durch das Buch nicht nur einen Überblick über den aktuellen Stand des Fußballs, sondern erfährt auch viel über die „russische Seele“ und das Lebensgefühl der Menschen. Bennetts, der selbst mit einer Russin verheiratet ist und seit über zehn Jahren in Moskau lebt, schildert seine (oft schwierigen) Recherchen - Treffen mit Klubpräsidenten und Spielern, Besuche in gut bewachten Trainingskomplexen, die oft wiederholten und mitunter vergeblichen Interviewanfragen. Teilweise erhielt er von seinen Gesprächspartnern auch „wohlmeinende“ Ratschläge wie jenen, sich doch lieber auf den Fußball an sich zu beschränken und die Skandale unbeachtet zu lassen. Seine stärksten Momente hat das Buch bei der Schilderung dieser und ähnlicher Situationen. Etwa, wenn der Leser erfährt, dass der neuverpflichtete Nationaltrainer Guus Hiddink an seinem ersten Arbeitstag im „Schlabberloook“ und in Sandalen erschien – für viele ein Unding, denn, so Bennetts, „Russians are sticklers for dress codes“. Oder bei der Schilderung, wie Präsident Putin das Team von ZSKA Moskau nach dem UEFA-Cup-Sieg 2005 in seiner Datscha empfing. Obgleich er sich bekanntlich bei jeder Gelegenheit als „sportlicher“ Staatsmann geriert (gern mit freiem Oberkörper), ist Putin überraschenderweise kein Fußballfan. In seinen ersten Jahren als Präsident, so Bennetts, habe er zwar gelegentlich einige Spiele besucht, inzwischen aber längst darauf verzichtet, irgendein echtes Interesse an dem Sport zu heucheln. Als er die Kicker von ZSKA empfing, hielt er zunächst eine kurze Rede, um dann ein wenig mit einem ihm gereichten Ball herumzujonglieren. Obwohl er ihn nur einige wenige Male in der Luft halten konnte, applaudierten die Spieler höflich – und die Brasilianer im Team grinsten betreten, „als der Führer des größten Landes der Welt Fußballfertigkeiten zeigte, mit denen sich jedes fünfjährige Mädchen an den Stränden daheim blamieren würde“.

Mein Problem mit derartigen Passagen ist: Es sind ihrer zu wenige. Über weite Strecken bleibt Bennetts’ Buch zu distanziert, zu wenig atmosphärisch, zu „steril“. Ich sehe die supermodernen Trainingszentren nicht, in denen die Spieler vor den Partien kaserniert werden. Ich sehe nicht, wie die Legionäre in Moskau oder in der Provinz leben. Stattdessen finden sich, mitunter ein wenig wahllos aneinander gereiht, kurze geschichtliche Abrisse, schematische Schilderungen von Spielen, etwas bemüht anmutende Verweise auf die russische Literatur und Ausflüge in die Politik, die häufig überhaupt keinen oder bestenfalls einen entfernten Bezug zum Sujet haben. So erfährt der Leser en passant, dass der frühere sowjetische Geheimdienstchef Berija auf Moskauer Straßen von seinen Schergen ihm gefallende Frauen aufsammeln ließ, die er später in seiner Wohnung vergewaltigte, und dass viele Jahre später bei der Renovierung seiner Residenz überall Skelette gefunden wurden. Der Leser wird auch darüber informiert, dass in der russischen Armee Rekrutenmisshandlungen gang und gäbe sind und in einem besonders schlimmen Fall Ende 2005 die Amputation beider Beine und der Genitalien eines Soldaten erfolgen musste. Das alles ist schlimm und grausam, hat aber in einem Buch über den russischen Fußball nichts zu suchen. Ohnehin gelingt dem Autor die notwendige Selbstbeschränkung nicht. Zu viel will er in die dreihundert Seiten hineinpacken, zu sehr will er dem Leser „sein“ Russland zeigen, als dass wirkliche Dichte oder gar Spannung erzeugt werden könnten. Dennoch lohnt die Lektüre, weil es – leider – ein vergleichbares Konkurrenzwerk zum russischen Fußball nicht gibt.

Fazit: Eine interessante, wenngleich nicht vollumfänglich überzeugende Einsteigerlektüre.

Freitag, 23. September 2011

Kritisch, spannend und hochinformativ: Auf den Spuren der Digedags

Mark Lehmstedt
Die geheime Geschichte der Digedags
Lehmstedt Verlag 2010
Sprache: Deutsch
430 Seiten
Preis: 24,90 Euro

Erhältlich bei Amazon, ab 22,53 Euro zzgl. Porto bei Amazon-Marketplace




Bei der Lektüre der „Geheimen Geschichte der Digedags“ hatte ich sehr schnell das Gefühl, einen Schatz in der Hand zu halten, der ebenso sorgfältig behandelt werden muss wie früher die heiß begehrten „alten“ Mosaiks. Mark Lehmstedt hat sich mit diesem hervorragenden Buch zweifellos einen Platz im Autoren-Olymp gesichert. 430 prall mit Informationen gefüllte Seiten, höchst detailreich, mit wissenschaftlicher Exaktheit und doch spannend wie ein Krimi, ergänzt um sorgfältig ausgewählte Abbildungen und Fotos, mit einem gerade durch seine Schlichtheit beeindruckenden Design – hier waren ein Autor und ein Verlag am Werk, die Bücher lieben. Und auch wenn man über die stetig steigenden Bücherpreise schimpfen mag, die knapp 25 EUR für Lehmstedts hochwertiges Buch sind wirklich bestens investiert. Denn der Autor sorgt nicht einfach nur (das aber auch!) für allerbeste Unterhaltung. Vielmehr schließt er eine Lücke, indem er zum einen weitaus tiefgründiger und fundierter als seine (wenigen) Vorgänger die turbulenten Jahre der Digedags beleuchtet und zum anderen höchst kritisch ihren Erschaffer „Hannes Hegen“ (Johann Hegenbarth) würdigt. Wenn man im Blick behält, dass Lehmstedt bereits Anfang der neunziger Jahre mit den Recherchen für sein 2010 erschienenes, mit knapp 700 Fußnoten unterfüttertes Werk begonnen hat, kann man ermessen, wie viel Arbeit er in dieses Projekt gesteckt hat. Aber das Ergebnis spricht für sich. Gewiss, es findet – worauf in anderen Besprechungen auch hingewiesen wird – in mancherlei Hinsicht eine Art Entzauberung statt. Aber hierbei handelt es sich nicht um jene Art von (fremdschämender) Enttäuschung, die man verspürt, wenn man sich heute noch einmal das „Ferienheim Bergkristall“ anschaut. Im Gegenteil, die von den Digedags ausgehende Faszination wird gewissermaßen wieder aufpoliert. Aber ihren Erschaffer wird man mit ganz anderen Augen sehen. Denn es war – diese Deutung legt das Buch nahe – in erster Linie Hegenbarth (und nicht die SED, die Zentralleitung der FDJ oder gar die Stasi), der Mitte der siebziger Jahre das Ende des „alten“ Mosaiks herbeiführte und so Millionen Leser um weitere Abenteuer der Digedags geprellt hat.

Lehmstedt beginnt mit einer kurzen Biographie des „Mosaik“-Erfinders, der aus einer sudetendeutschen Glasmacherfamilie stammt und sich zu Beginn seiner Karriere als Zeichner hauptsächlich von Karikaturen für verschiedene Zeitschriften der DDR („Frischer Wind“, „Eulenspiegel“, „Wochenpost“, „Magazin“, „NBI“ und „Deutsche Lehrerzeitung“) verdingte. Im Frühjahr 1955 unterbreitete Hegenbarth dem Verlag Neues Leben Vorschläge für eine „Bilderzählung“. Hierbei hatte er sein Ohr offenbar am Puls des Brachengeschehens, denn der Zeitpunkt seines Angebots war überaus günstig gewählt: Just in dieser Phase gab es im Verlag Stimmen, die neben der seit einiger Zeit erscheinenden „Atze“ ein weiteres DDR-eigenes Comic zur Zurückdrängung der als „Schund und Schmutz“ angesehenen westdeutschen Comics befürworteten und nach (dauerhaft) tragbaren Konzepten suchten. Im Dezember 1955 erschien die erste Ausgabe des „Mosaiks“, und der sensationelle Siegeszug der Digedags begann. Lehmstedt schildert anschaulich, wie aus dem Ein-Mann-Betrieb Hegen das ca. neun- bis zwölfköpfige „Mosaik-Kollektiv“ wurde, wie sich Inhalt und Ausrichtung der Hefte immer wieder änderten (und erst mit der Runkel-Serie beginnen m.E. die wirklich guten Mosaiks), wie die Digedags im Laufe der Jahre ihre „endgültige“ Gestalt erhielten, wie es zum Wechsel vom Verlag Neues Leben zum Verlag Junge Welt kam und vor allem, wie das „Mosaik“ immer wieder von der Einstellung oder aber der grundlegenden Änderung hin zu einem plumpen Propagandainstrument bedroht war. Dabei waren es, wie der überraschte Leser erfährt, übrigens gar nicht immer Pionierleitung, FDJ, SED oder das DDR-Kulturministerium, die den Digedags den Garaus machen wollten. Im Gegenteil, das höchst profitable Heft, das mit seinen immensen Gewinnen andere defizitäre Verlagsprodukte stützte, hatte in den verschiedenen Machtzentren auch Fürsprecher. Mitunter wurden kritische Stimmen vielmehr von konkurrierenden Verlagen lanciert oder kamen (zumindest scheinbar) gar „von unten“. So beschwerte sich eine Bibliothekarin aus Halle im Januar 1959 mit einem vierseitigen Brief an das Kulturministerium über „unwissenschaftliche Spinnereien“, „Sensationshascherei“ und – man höre und staune – eine „aparte sexuelle Note“ in den Mosaiks. Trotz der kaum verhüllten Drohung, alle Kinderbibliothekare der DDR gegen das Heft mobilisieren zu wollen, tat das Kulturministerium erst einmal - nichts. Aber auch „von oben“ drohte mehrfach Gefahr. So 1959/60, als überlegt wurde, den Digedags künftig weniger Platz einzuräumen und daneben eine „Pioniergruppe Pfiffikus“ auftreten zu lassen, deren „lustige Erlebnisse“ etwa beim „Geländespiel“ oder bei der „Hilfe für Rentner“ geschildert werden sollten.

Natürlich beschreibt Lehmstedt auch das Ende der Digedags und den schwierigen Wechsel hin zu den von Hegenbarth vehement als Plagiat bekämpften Abrafaxen in den „neuen“ Mosaiks. Spätestens an dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass der Autor leider keinen Zugang zu Hegenbarth selbst erhielt. Der hatte nach der Wende zwar, wie Lehmstedt etwas schmallippig anmerkt, ein Mosaik-Fan-Buch ohne jeden analytischen Anspruch durch großzügige Abbildungs-genehmigungen unterstützt, eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk indes nie gefördert. Da somit eine der wichtigsten (wenngleich nicht objektivsten) Erkenntnisquellen nicht ausgeschöpft werden konnte, bleiben etliche Fragen unbeantwortet. So wird jedenfalls mir nicht klar, wieso Hegenbarth von Anfang in einer geradezu unheimlich starken Position war und bis zum Ende der Digedags das Heft des Handelns derart fest in der Hand halten konnte. Das beginnt bereits mit seinem ersten Verlagsvertrag. Ja, der Verlag wollte eine Bildgeschichte, und Hegenbarth konnte sie liefern, war also zur rechten Zeit am rechten Ort. Aber letztlich brauchte er den Verlag mindestens genauso dringend wie dieser ihn. Die Etablierung des Heftes in der Presselandschaft der DDR war wahrlich kein Selbstläufer, und die späteren zahllosen Angriffe gegen das „Mosaik“ zwangen dessen Unterstützer zu einem ständigen – von Lehmstedt anschaulich beschriebenen - Lavieren und Taktieren zwischen diversen Fronten. Wie es Hegenbarth unter diesem Umständen gelang, schon für das erste, noch 32seitige Heft ein Honorar von 25.000 Mark herauszuhandeln (1955!), bleibt ebenso unbegreiflich wie der Umstand, dass er sich auch später, als die Hefte vom „Mosaik-Kollektiv“ unter seiner mehr oder weniger dichten Anleitung gestaltet wurden, neben einem üppigen Monatssalär von etwa 12.000 Mark (die anderen Mitarbeiter erhielten z.T. nicht einmal ein Zehntel dieser Summe) auch nahezu sämtliche Urheberrechte sichern konnte. Denn das Mosaik war, auch dies wird von Lehmstedt herausgearbeitet, längst kein Autoren-Comic (mehr), also kein Produkt des Einzelkünstlers Hegenbarth, sondern ein Teamprodukt. Der Qualität des Heftes hat dies, nebenbei bemerkt, äußerst gut getan. Denn man betrachte einmal die noch stark karikaturistischen Hegenbarth-Digedags der ersten Hefte und ihr heutiges, wesentlich gefälligeres und „endgültiges“ Aussehen, das nach Lehmstedts Darstellung maßgeblich von der Grafikerin Lona Rietschel und eben nicht von Hegenbarth gestaltet wurde. Den schöpferischen Anteil des an der inhaltlichen Ausrichtung der Hefte maßgeblich beteiligten und für die Texte (und damit den Großteil des Witzes) allein verantwortlichen Lothar Dräger schätzt Lehmstedt auf fünfzig Prozent. Doch er wurde von Hegenbarth mit mauen zehn Prozent abgespeist. Womit natürlich mehr für diesen selbst blieb: Der Digedags-Erfinder ist mit den Mosaiks reich geworden. So verdiente er im Laufe von etwa achtzehn Jahren allein rund zwei Millionen Mark mit den monatlich erscheinenden Heften. Neuauflagen und Sammelbände spülten zusätzliche, teilweise sechsstellige Beträge in seine Kasse.

Aber wieso, muss man sich zwangsläufig fragen, sollte Hegenbarth dann selbst das Ende der Digedags herbeigeführt haben? Lehmstedt kann die Umstände, die zum Ende des „Mosaiks“ führten, nicht vollständig rekonstruieren, macht aber eines deutlich: Verlag und Zentralrat der FDJ waren nach Lage der Dinge an einer Fortführung des Heftes interessiert. Demgegenüber präsentierte Hegenbarth Gründe (die angesichts früher zu überwindender Schwierigkeiten nachgerade lächerlich wirken), aus denen er künftig leider nur noch sechs und nicht mehr zwölf Hefte pro Jahr gestalten könne. In diesem Zusammenhang berichtet Lehmstedt, dass Hegenbarth ab Anfang der siebziger Jahre mit dem Bau einer Villa auf einem Wassergrundstück im Süden Berlins beschäftigt war und seinen Mitarbeitern erklärt habe, wie viel schöner es doch sei, nicht ständig am „Mosaik“ arbeiten zu müssen, sondern die Hälfte der Woche am Wasser verbringen zu können. Insofern wird man mutmaßen dürfen, dass Hegenbarth inzwischen einfach genug Geld verdient und schlichtweg keine Lust mehr hatte, das „Mosaik“ im bisherigen Umfang weiterzuführen. Statt eines klaren „Ich will nicht mehr!“ entschied er sich für einen vergifteten Vorschlag, den der Verlag aus nachvollziehbaren Gründen nicht annehmen konnte. Für mich höchst erstaunlich war übrigens, wie rechtsstaatlich sich Verlag und FDJ-Zentralrat in dieser Phase gegenüber Hegenbarth verhalten haben. Was hätte angesichts des sonstigen alltäglichen Unrechts in der DDR näher gelegen, als einfach ohne Hegenbarths Zustimmung mit den beliebten „Digedags“ weiterzumachen? Immerhin verfasste der (von urheberrechtlichen Kenntnissen allerdings offenbar weitgehend unbelastete) DDR-„Staranwalt“ Karl Friedrich Kaul sogar ein Rechtsgutachten, wonach Hegenbarth angesichts der an ihn gezahlten Millionen-Vergütung keinerlei Schutzrechte an den Digedags mehr zustünden - eine andere Sichtweise liefe „den Interessen unserer sozialistischen Gesellschaft zuwider“. Mit derartigen Begründungen wurde, wie gesagt, auch weitaus größeres Unrecht begangen. Doch der Verlag tat, gestützt auf ein gegenteiliges Gutachten seines eigenen Justitiars, alles, um mit Hegenbarth, der wegen der „Abrafaxe“ eine Klage beim Bezirksgericht Leipzig (wegen Verletzung seines Urheberrechts) angestrengt hatte, zu einer friedlichen Einigung zu gelangen. Was auch gelang. Leider, möchte man sagen. Denn der geneigte Leser kommt nach der Lektüre von Lehmstedts Buch nicht umhin, sich eine Klage der anderen Mitarbeiter des „Mosaik-Kollektivs“ gegen ihren früheren Chef mit dem Ziel einer dem jeweiligen tatsächlichen schöpferischen Anteil entsprechenden Aufteilung der rund zwei Millionen Mark zu wünschen.

Fazit: Lehmstedts hochspannendes Buch ist ein absolutes Muss für jeden, der die Faszination der "Digedags" jemals erlebt hat. Ein großes Buch!

Montag, 5. September 2011

Kalkulierter Tabubruch eines Opportunisten

Philipp Lahm
Der feine Unterschied - Wie man heute Spitzenfußballer wird
Kunstmann Verlag 2011
269 Seiten
Sprache: Deutsch
Preis: 19,90 Euro

Erhältlich bei Amazon, bei Amazon-Marketplace ab 10,75 Euro (zzgl. Porto)


Die Anhänger von Philipp Lahm können es drehen und wenden, wie sie wollen: In seinem Buch „Der feine Unterschied“ kritisiert ihr Idol nahezu alle Trainer, die es in den letzten Jahren hatte – nur eben merkwürdigerweise die gegenwärtigen nicht. Angesichts des Umstandes, dass Lahm ganz genau weiß, was unter Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Felix Magath und Louis van Gaal so alles falsch lief, stellt sich doch zwangsläufig die Frage: Gibt es bei seinem aktuellen Vorgesetzten in der Nationalelf, Bundestrainer Joachim Löw, nichts zu kritisieren? Wirklich gar nichts? Für Löw hegt Lahm scheinbar nur schwärmerische Bewunderung. Oder spart er sich die Kritik an ihm nur auf, bis ein neuer Mann im Amt ist? Spottet er über Jupp Heynckes auch erst dann, wenn der den FC Bayern wieder verlassen hat? Genau dieser Gegensatz – Nachtreten gegen die früheren Trainer, Buckeln gegenüber den aktuellen – ist es, der bei der Lektüre von Lahms Buch einen faden Beigeschmack hinterlässt. Aber, und diese Frage drängt sich gleich als nächste auf, war dieser fade Beigeschmack nicht schon vorher da? Wer die Karriere des „freundlichen, harmlosen Schwiersohntyps“ („Spiegel“) betrachtet, kommt zu der bitteren Erkenntnis: Außerhalb des Spielfeldes ist Lahm immer nur in zwei Konstellationen mutig: Wenn der Gegner schon am Boden liegt oder wenn er sich durch einen kalkulierten Tabubruch öffentlichen Beifall verspricht.

Ein naheliegendes Beispiel für die erste Konstellation ist die schäbige Art und Weise – Rudi Völler spricht von einer Intrige -, in der Lahm sich zum Dauerkapitän der Nationalelf ausgerufen hat. Wir erinnern uns: Michael Ballack hatte monatelang der WM in Südafrika entgegengefiebert, war es doch bekanntermaßen seine letzte Chance, doch noch Weltmeister zu werden und seine Karriere so zu krönen. Nachdem er buchstäblich wenige Minuten vor WM-Beginn von Kevin-Prince Boateng rüde (und völlig sinnlos) zusammengetreten wurde, war er nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch am Boden. Wie mutig und vor allem loyal war es in dieser Phase von seinem Stellvertreter Lahm, dem verletzten „Capitano“ in Südafrika erst einen betont frostigen Empfang zu bereiten und anschließend ohne Not herauszuposaunen, dass er die Kapitänsbinde selbstredend behalten wolle? Um dann im Halbfinale gegen Spanien eine miserable Leistung zu bieten… Vor einigen Monaten präsentierte die (Lahm mehr als wohl gesonnene) „Sport-Bild“ den vermeintlich „mächtigsten Fußballer Deutschlands“ mit kühn-verwegenem Blick auf der Titelseite (siehe z.B. hier - scrollen bis Heft 27/11). In Anlehnung an den Film „Gladiator“ musste man unwillkürlich denken: Der kleine Philipp gibt sich wie ein Eroberer. Aber was hat er eigentlich erobert?

Ein Beispiel für die zweite Konstellation ist das berühmte Interview in der „Süddeutschen“, das Lahm im Herbst 2009 gab. Für seine Kritik am Vorstand des FC Bayern musste er später eine Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro zahlen – „viel Geld, aber ich finde, ich habe es gut investiert“, wie er in seiner Biographie mit feister Selbstgefälligkeit schreibt. Wer sich mit den Hintergründen des damaligen Interviews beschäftigt und sich insbesondere einmal die Darstellung des Sachverhalts durch Uli Hoeneß in der „Zeit“ zu Gemüte führt, stellt fest: Nein, hier hat nicht ein junger, mutiger Spieler mit berechtigter Kritik gegen den mächtigen Vorstand des FC Bayern aufbegehrt. Vielmehr hat ein Opportunist, getrieben von seinem Berater Roman Grill, im Bestreben, sich auf Kosten seines Vereins zu profilieren, einen kalkulierten Tabubruch begangen. Als Beleg diene unter anderem folgender Auszug aus dem vorgenannten Hoeneß-Interview in der „Zeit“: „Heute Morgen frage ich Grill am Telefon: Wieso erklärst du in der Öffentlichkeit, dass Philipp Lahm schon zwei-, dreimal beim Vorstand war? Du weißt genau, dass das nicht so ist. Und er antwortet mir: Wie soll er sich sonst profilieren? Das war die Antwort. Ist das nicht beschämend?... Wenn Lahm nur einmal bei mir gewesen wäre, hätte ich mich mit ihm auseinandergesetzt. Wir wollen mündige Spieler! Aber er war nie da. Und wer auch sonst ein wenig zwischen den Zeilen liest und hört, wird bemerken, dass der Aufrichtigkeitsfanatiker Uli Hoeneß über Lahm seither ein wenig distanzierter spricht als über andere Kicker „seines“ FC Bayern.

Mit seiner Biographie begeht Lahm nun einen zweiten wohl kalkulierten Tabubruch, indem er sich auf Kosten früherer (also: ihm wohl nicht mehr schaden könnender) Trainer profiliert und sich damit einmal mehr „als Opportunist outet“ („Welt“, zum Beitrag geht es hier). Gewiss, so mag man einwenden (und viele tun es), das Buch besteht wahrlich nicht nur aus derartiger Kritik und enthält auch viele nachdenkliche, durchaus informative Passagen. Aber mir ist es beim Lesen leider nicht gelungen, das Bild des kühl kalkulierenden, berechnenden „Fahrradfahrers“ zu verdrängen. Und deshalb gelingt es mir auch nicht, mich auf diese leiseren Komplexe – etwa über Homosexualität im Profifußball – wirklich einzulassen. Fußballerisch mag Lahm ja ein Großer sein. In charakterlicher Hinsicht bleibt es für den "mächtigsten Fußballer Deutschlands" hingegen beim Satz Toni Schumachers (nachzulesen übrigens in seiner eigenen, diverse Tabus brechenden Biographie „Anpfiff“): "Selbst auf einem Himalayagipfel bleibt ein Zwerg ein Zwerg."

Montag, 15. August 2011

Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches

The Damned United - Der ewige Gegner
DVD
Sony Pictures Home Entertainment
93 Minuten
Sprachen: Englisch, Deutsch
Untertitel: Englisch, Deutsch, Türkisch
Erscheinungstermin: 25. Februar 2010

Erhältlich bei Amazon für 9,99 EUR und bei Amazon-Marketplace ab 7,99 EUR (zzgl. Porto)



Vor einigen Monaten habe ich mich an dieser Stelle mit David Peace' wunderbarem Buch "THE DAMNED UNITED" beschäftigt, einem Roman über die chaotische, nur 44 Tage währende Amtszeit des charismatischen Trainers Brian Clough bei Leeds United in der Saison 1974/75. Nun ist das Buch bei Heyne auch in deutscher Fassung erschienen. Bereits seit geraumer Zeit ist auf dem deutschen Markt die Verfilmung des Bestsellers erhältlich, die an dieser Stelle ergänzend vorgestellt werden soll. Vorab schon einmal soviel: Selbst jene, die sich nicht für Fußball interessieren, aber dafür für die englische Sprache, werden mit "The Damned United - Der ewige Gegner" in der Originalfassung viel Spaß haben. Denn der großartige Michael Sheen lässt Brian Clough ein scharfzüngiges Nordenglisch sprechen, mit dem man früher in der Schule allerdings kaum Dank geernet hätte.

Fußballfans, die das Buch kennen oder sich durch den Film über Cloughs tragisches Scheitern in Leeds informieren wollen, werden von der sorgfältigen Auswahl der Darsteller und dem hervorragenden Drehbruch begeistert sein. Obwohl Michael Sheen im Film jünger wirkt, als der echte Brian Clough bei seinem Amtsanritt in Leeds tatsächlich war, werde ich die Person Brian Clough stets mit ihm verbinden, so wie Colm Meaney und Timothy Spall ihre Protagonisten Don Revie und Peter Taylor lebendig werden lassen. Michael Sheen mimt Brian Clough nicht auf zurückgenommene, zurückhaltende Weise. Im Gegenteil, er reizt die (mitunter etwa dümmliche) Großspurigkeit seines Helden aus, ohne dabei allerdings den Bogen zu überspannen. Selbst die Nebenrollen, etwa Stephen Graham als der unverhohlen gegen den Trainer spielende Leeds-Kapitän Billy Bremner oder Jim Broadbent als der Vorsitzende des früheren Clough-Vereins Derby County, Sam Longson, sind einfach großartig besetzt. Die Handlung orientiert sich eng am Buch, wobei so manche interessante Szene der Schere zum Opfer gefallen und nur im Bonusmaterial zu finden ist, etwa jene, in der Clough den Schreibtisch seines Vorgängers Don Revie zerhackt und verbrennt. Indes bleiben zahlreiche Szenen übrig, etwa Cloughs Fernsehinterview kurz vor seinem Amtsantritt oder sein erster Besuch beim Vorstand von Leeds United, die man wieder und wieder anschauen möchte, einfach, weil sie so grandios gespielt sind. Ganz nebenbei vermittelt der Film auch die Atmosphäre des britischen - zumal, wenn es um den vorherigen Clough-Klub Derby geht, unterklassigen - Fußballs der siebziger Jahre mit schlammigen Plätzen, heruntergekommenen Vereinsheimen und Spielern, die Fußball arbeiten.

Ebenso gelungen wie der Film sind Cover und Ausstattung der DVD. So gibt es neben zwei Audio-Spuren (Englisch und Deutsch) auch die dazugehörigen Untertitel und einiges an Bonusmaterial. Und auf dem Cover erscheint Michael Sheen als Brian Clough mit all seinem großspurigen und in stillen Momenten doch grüblerischen Selbstbewusstsein.

Fazit: Großes Kino für Fußballfans.




Sonntag, 26. Juni 2011

Ungeheuer atmosphärisch: Ein Blick auf die DDR-Oberliga

Frank Willmann (Hrsg.)
Fußball-Land DDR. Anstoß, Abpfiff, Aus
Eulenspiegel-Verlag 2004
192 Seiten
Sprache: deutsch
14,90 Euro

Erhältlich bei Amazon-Marketplace ab 34,00 Euro (zzgl. Porto)




Bücher zum Fußball-Land DDR gibt es mittlerweile etliche, von Hans Leskes "Enzyklopädie des DDR-Fußballs" über "Die Geschichte der DDR-Oberliga" von Andreas Baingo und Michael Horn bis hin zu Biographien, die sich indirekt ebenfalls mit dieser Materie beschäftigen, etwa Bernd Stanges "Trainer zwischen den Welten" und natürlich Jörg Bergers wunderbares Buch "Meine zwei Halbzeiten", das ich vor geraumer Zeit an dieser Stelle vorgestellt habe.

Mehr durch Zufall bin ich auf Willmanns bereits vor einigen Jahren erschienene Collage (über zwanzig Autoren trugen zu dem Werk bei) gestoßen. Das Buch hält sich mit Statistiken und Tabellen zurück und gewährt stattdessen auf knapp 200 Seiten einen hervorragend recherchierten und ungeheuer atmosphärischen Einblick in den Alltag der DDR-Oberligakicker. Vom speziellen Transfersystem ("Delegierungen") über Gehälter und Handgelder der "Nicht-Amateure" (wenige Monate vor dem Ende der DDR meldete der DFV diesen Status seiner Spieler bei der FIFA an), Lokalderbys und Auslandsspiele bis hin zu Spielerrevolten wie jener in Dresden, als die Kicker Trainer Walter Fritzsch loswerden wollten, greifen die Autoren eine Vielzahl von Themen auf, die in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes Mosaik ergeben. Dazu gibt es etliche Fotos und Zeitungsausrisse sowie - in meinen Augen verzichtbar - Vereinslogos und Karikaturen, die das Bild vervollständigen. So erfährt der Leser beispielsweise, dass in der DDR-Oberliga bereits Ende der sechziger Jahre Handgelder von bis zu 20.000 Mark flossen und beim Fußballzwerg Stahl Brandenburg fürstliche Gehälter von bis zu 5.300 Mark gezahlt wurden. Das Buch berichtet, wie der Magdeburger Erfolgstrainer Heinz Krügel (Europapokalsieger 1974) wegen "ungenügender Entwicklung der Olympiakader" zum Hallenwart degradiert wurde und dass der aus Thüringen stammende Mittelfeldstar Reinhard Häfner eigentlich schon vor einem Wechsel zum FC Carl Zeiss Jena stand, als ihm der DFV die Pistole auf die Brust setzte: "Nach Dresden oder nach Eggesin!" Eggesin war damals ein berüchtigter Militärstützpunkt in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Umstand, dass derart viele Journalisten und Schriftsteller beteiligt waren (darunter Horst Friedemann, Edgar Külow, Annett Gröschner und Wladimir Kaminer), mag die Themenwechsel und die Reihenfolge der Beiträge mitunter etwas sprunghaft erscheinen lassen, aber das schmälert den Gesamteindruck nur unwesentlich.

Fazit: Wer sich für den Alltag der DDR-Oberligafußballer interessiert, wird mit Willmanns Buch bestens bedient.