Frank-Joachim HerrmannDer Sekretär des Generalsekretärs
Interview mit Brigitte Zimmermann und Reiner Oschmann
Edition Ost 1996
155 Seiten
Sprache: deutsch
Erhältlich bei Amazon-Marketplace ab 10,58 Euro.
Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle Margaret Heckels Buch über Angela Merkel besprochen, das Einblicke in den Alltag der Kanzlerin geben will, diesem Anspruch aber leider nicht ganz gerecht wird. Ein schon älteres und mittlerweile im Buchhandel kaum noch erhältliches Werk zeigt eindrucksvoll, wie der Alltag und die Denk- und Arbeitsweise eines Regierungschefs wirklich lebendig nachgezeichnet werden können. Frank-Joachim Herrmann sprach mit den Journalisten Brigitte Zimmermann und Reiner Oschmann über sein Leben als "Der Sekretär des Generalsekretärs" und lässt im Interview Stück für Stück ein Bild vom Alltag Erich Honeckers entstehen. Dass ihm dies ungleich besser gelingt als Margaret Heckel in "So regiert die Kanzlerin", ist umso erstaunlicher, wenn man liest, dass Gespräche über Familie und sonstige private Dinge während der zwanzigjährigen Zusammenarbeit zwischen Honecker und Herrmann praktisch tabu waren. Das Interview ist in verschiedene Abschnitte ("Wie ich E.H. kennenlernte", "E.H. und die Familie" usw.) gegliedert und bietet einen faszinierenden Einblick. Obgleich bei Frank-Joachim Herrmann natürlich Verdrängungen und Beschönigungen zu beobachten sind, die angesichts seiner Biographie - 1931 geboren, persönlicher Mitarbeiter Honeckers, Mitglied des Zentralkomitees der SED usw. - wohl unvermeidlich sind, und er mitunter ausweichend antwortet, entpuppt er sich auf dem Papier dennoch als sehr kluger, zurückhaltender und angenehm loyaler Gesprächspartner, der seinen langjährigen Vorgesetzten keineswegs verklärt, aber den Fragestellern auch widerspricht, wenn Vorhalte nicht der Realität entsprechen. Es fällt ins Auge, dass Herrmann, von den beiden Journalisten seiner Lebensrolle entsprechend als leiser, zurückhaltender und lieber im Hintergrund agierender Mann skizziert, nicht zum Spekulieren neigt. Er spricht über das, was er weiß, über mehr nicht - und macht dies auch deutlich. Gerade in diesen Tagen, in denen "20 Jahre friedliche Revolution" gefeiert werden und im Fernsehen allzu oft sattsam bekannte Interviews mit Egon Krenz, Günter Schabowski und anderen ehemaligen SED-Größen gezeigt werden, ist Herrmanns pointierte, aber zurückhaltende Art der Darstellung höchst angenehm. Dabei begegnet er den beiden Fragestellern durchaus - wohl auch aufgrund seiner eigenen Vergangenheit als Journalist - auf Augenhöhe. Dies zeigt sich bei Wortwechseln wie diesem: "Aber Sie sagen damit auf Ihre versteckte Weise doch, dass er den ungewissen Ausgang des weltweiten sozialistischen Versuchs vernachlässigen zu können glaubte? Auch auf meine versteckte Weise sage ich das keineswegs..." Anders als Heckels Merkel-Reportage bietet das Buch viel Aufschlußreiches, etwa, dass Honecker mit Franz-Josef Strauß "gut konnte" oder dass er nach einem Staatsbesuch des gesundheitlich bereits angeschlagenen sowjetischen Staatschefs Breshnew heilfroh war, als dieser die DDR lebend wieder verließ. Wenn es an diesem Buch etwas zu kritisieren gibt, dann vielleicht das Cover, das allzu schnell und lieblos erstellt wirkt. Das an sich gut ausgewählte Foto - es zeigt Honecker und Strauß, im Hintergrund Herrmann - ist nicht mittig, sondern grundlos rechtsbündig platziert und wirkt "abgeschnitten", die Schrift des Klappentextes ist vergleichsweise groß - all das sind kleine Sünden, die nicht sein müssen. Allerdings ändert das nichts daran, dass "Der Sekretär des Generalsekretärs" ein zeitgeschichtlich höchst wertvolles Buch ist.
Fazit: Eine faszinierende Lektüre für jene, die sich für den Alltag im Zentrum der Macht in der DDR interessieren.