Sonntag, 20. Dezember 2009

Einfach nur faszinierend: Reagan - The Hollywood Years

Marc Eliot
Reagan - The Hollywood Years
Three Rivers Press 2009
384 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 17 $
Erhältlich bei Amazon.de für 11,99 Euro, bei Amazon-Marketplace ab 8,58 Euro zzgl. Porto.


Ronald Reagan (1911 - 2004), ehemaliger Radioreporter, Hollywood-Schauspieler, Gouverneur und Präsident der Vereinigten Staaten, gehört zu den umstrittensten Politikern des 20. Jahrhunderts. Für die einen ist und bleibt er die Galionsfigur des freien Amerikas, der den Kalten Krieg beendete, die anderen sehen ihn entweder als ahnungslosen alten Mann, der in Lagebesprechungen einschlief, oder als gefährlichen Anführer der radikalen Rechten und Sprachrohr der Rüstungskonzerne. In den immer zahlreicher werdenden Biographien erschließt sich meist schon nach den ersten Seiten, ob der Verfasser Reagan verabscheut (Ege/Ostrowsky: Ronald Reagan - Eine politische Biographie) oder verehrt (Noonan: When Character was King), ob er ihm wohlwollend-fair (Pemberton: Exit with Honor) oder kritisch-fair (Bosch: Reagan - An American Story) gegenübersteht oder trotz intensivster Beschäftigung mit Ronald Reagan eher verwirrt blieb (Morris: Dutch - A Memoir of Ronald Reagan).

Marc Eliot, der - teilweise sehr erfolgreiche - Biographien über zahlreiche Schauspieler, darunter Cary Grant und Clint Eastwood, veröffentlicht hat, beschäftigt sich in seinem mit einem sehr schönen Foto des jungen Reagan betitelten und gut gestalteten Buch ausschließlich mit der Hollywood-Zeit des späteren Präsidenten (und dem Weg dorthin, also Reagans Kindheit, Jugend und seine Karriere als Sportreporter beim Radio). Eliot steht dem Objekt seiner Betrachtungen keineswegs übertrieben wohlwollend gegenüber, sondern im Gegenteil recht kritisch, aber - und dies ist entscheidend - stets gerade noch innerhalb der Grenzen der Fairness. Gestützt auf umfassende Recherchen erzählt er, wie Reagans Einstieg ins Filmgeschäft verlief, wie er die ersten Filme drehte und erste Erfolge feierte, wie er als Schauspieler in Kalifornien lebte, vor und nach seiner ersten Heirat, wie der Zweite Weltkrieg und Reagans Einberufung zum Militär die Karriere unterbrachen und wie Reagan nach Kriegsende um sein Comeback kämpfte und schließlich als Anchorman des General Electric Theatre zum Fernsehen ging. Gleichzeitig wird auch seine Karriere als langjähriger Vorsitzender der Screen Actors Guild ausführlich behandelt. Quasi nebenbei erhält der Leser einen hochspannenden Einblick in Hollywoods Golden Age.

Über weite Strecken spricht Eliot eher geringschätzig über Reagans Filme. Eine seiner meistgebrauchten Formulierungen ist, dieser oder jener Film "did nothing for his career" oder sei "completely forgettable". Fast schon genüsslich beschreibt er, wie Reagan im Schatten der Stars jener Zeit wie Erol Flynn und Bette Davis stand und gewissermaßen die Spezialbesetzung für den "besten Freund" des eigentlichen Filmhelden wurde. Das hat man so oder so ähnlich schon öfters gelesen und würde ein weiteres Buch kaum rechtfertigen. Doch Marc Eliot bietet neben dem Bekannten eben auch eine Fülle zumindest für mich neuer Informationen, und er lässt auch Reagans größten Erfolgen "Knute Rockne All American" und "Kings Row" die gebührende Gerechtigtkeit widerfahren - ja, er geht sogar soweit, einzuräumen, dass Reagan nach "Knute Rockne All American" in Hollywood "hotter than a freshly fired pistol" gewesen sei. Was kaum einer weiß, von Eliot aber erzählt wird: Der vermeintliche "King of the B-Movies" schrieb Film-Geschichte, indem er als erster Schauspieler Hollywoods (und damit der Welt) einen Vertrag unterzeichnete, der eine Million Dollar wert war. Mit einem Wochensalär (es war noch die Zeit, als Schauspieler mehrjährige Exklusivverträge mit einem Studio eingingen) von 3.500 Dollar rückte er auf in eine Reihe mit den großen Stars der A-Produktionen wie Erol Flynn.

Dieser Vertrag ist allerdings nicht das einzige, was von Reagans Hollywoodkarriere in Erinnerung bleiben wird. Zum einen sagte er in seiner eigentlich kleinen - insgesamt kaum mehr als zehn Minuten umfassenden - Rolle als Footballspieler George "Gipper" Gipp in "Knute Rockne All American" einen jener weltberühmten Sätze, der ähnlich wie "Rosebud" in "Citizen Kane" oder das bekanntlich nie gesagte "Play it again, Sam" in "Casablanca" in die Geschichte eingehen sollte. Als George Gipp, der junge, hochtalentierte Halfback von Notre Dame, auf dem Sterbebett liegt, sagt er zu seinem Trainer Knute Rockne (dem eigentlichen Star des Films): "Some day when things are tough, maybe you can ask the boys to go in there and win just one for the Gipper." Diese letzten Worte des von Reagan mit "surprising athleticism" dargestellten Talents, "that made his death even more shocking" (Eliot), wurden in Amerika zu einem geflügelten Wort. Auch Reagan nutzte den Slogan "Win one for the Gipper" bei seinen Kandidaturen für das Amt des kalifornischen Gouverneurs und des Präsidenten.

Ruhm völlig anderer Art erlangte Reagan mit seiner Rolle als Drake McHugh in "Kings Row". Er spielt einen jungen Mann, dem ein sadistischer Chirurg unnötigerweise beide Beine amputiert (als Strafe, weil Drake in seine Tochter verliebt ist). Der entscheidende Moment des Films ist jener, als Drake aus der Narkose erwacht und die Amputation mit den Worten "Where is the rest of me?" (später der Titel von Reagans erster Autobiographie) feststellt. Eliot erzählt, wie sehr Reagan vor dieser Szene graute. Wie er sie zuvor übte - vor dem Spiegel, in abgelegenen Ecken des Studios, auf der Toilette, vor ausgewählten Freunden. Wie er die Nacht vor dem Dreh nicht schlafen konnte und keinerlei Vorstellung hatte, wie er diese sechs Worte angemessen sprechen sollte. Am nächsten Tag am Set drehte Reagan die Szene im ersten und einzigen Anlauf - und feierte den schauspielerischen Glanzpunkt seiner Karriere. Selbst der stets kritische Eliot spricht von "the finest moment of a sustained performance that would serve as the hallmark of Reagan's entire acting career". Mehr noch, er räumt ein: "Reagans performance would serve as a model for dozens of future movies built around physical and metaphorical 'incompleteness'."

Passagen wie diese sind es, die Eliots Buch zu einem Meisterwerk machen, ergänzt um zahlreiche hochinteressante Informationen, die auch Ronald Reagan in seinen Autobiographien verschweigt (so ist ihm seine erste Ehe mit der Schauspielerin Jane Wyman gerade einmal einen Satz wert!) oder zumindest verkürzt darstellt.

Fazit: Wer sich für die einzigartige Karriere von Ronald Reagan interessiert, für den ist dieses Buch über seine Zeit in Hollywood ein absolutes Muss, nicht nur weil der spätere Präsident ganz maßgeblich durch seine Jahre als Schauspieler und Vorsitzender der SAG geprägt wurde, sondern auch, weil Reagans Jahre im Film- und Fernsehgeschäft eben nicht nur eine Vorstufe seiner Zeit als Politiker waren, sondern ein Drittel seines Lebens - und damit im Grunde seine eigentliche Karriere.