Sonntag, 24. Januar 2010

Beckham in L.A.: Ein Blick hinter die Kulissen

Grant Wahl
The Beckham Experiment: How the World's Most Famous Athlete Tried to Conquer America
Crown Books 2009
304 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: $ 24,99

Bei Amazon erhältlich für 17,99 Euro, bei Amazon-Marketplace ab 12,41 Euro zzgl. Porto



In "Any Given Sunday", Oliver Stones großartigem Football-Drama, sagt die von Superstar Cameron Diaz dargestellte Miami-Sharks-Eigentümerin Christina Pagniacci an einer Stelle, als es um einen eventuellen Umzug ("Relocation") des Teams von Florida an die Westküste geht: "My god, L.A. is a dream!". So ähnlich mag David Beckham gedacht haben, seines Zeichens einer der prominentesten und besten Fußballer der Welt, als er 2007 von Real Madrid in die amerikanische Major League Soccer (MLS) wechselte, zu Los Angeles Galaxy. Und spätestens, als auf Betreiben des Beckham-Managements 2008 als neuer Trainer der frühere Superstar Ruud Gullit installiert wurde, schienen alle Weichen gestellt, um die amerikanische Profiliga weltweit populärer und aus L.A. Galaxy das mit Abstand stärkste Team zu machen. Bekanntlich kam alles anders, und ungeachtet wirtschaftlicher Erfolge (Zuschauerrekorde, 350.000 verkaufte Beckham-T-Shirts, lukrative Gastspiele in Australien und Asien) geriet das "Beckham-Experiment" mehr oder weniger zum Fiasko. Erst war der Superstar über Monate hinweg verletzt, im zweiten Jahr bot das Gullit-Team mit einem zum großen Teil schwachen Beckham katastrophale sportliche Leistungen, und spätestens als Beckham nach seiner Ausleihe zum AC Mailand seinen Wunsch, dauerhaft in Mailand zu bleiben, öffentlich machte, war er bei den Fans unten durch. Unter dem neuen Trainer Bruce Arena hat sich L.A. Galaxy zuletzt zwar wieder aufgerappelt, aber die Euphorie, die Pele einst bei Cosmos New York entfachte, wird Beckham in Kalifornien wohl nie erzeugen.

Grant Wahl, ein Journalist von "Sports Illustrated", arbeitet in seinem Bestseller "The Beckham Experiment"detailliert Ablauf und Hintergründe des Beckham-Transfers und der ersten beiden Amerika-Jahre des Superstars auf. Das Buch ist auch und gerade für jene, die - wie ich - mit dem Fußballer David Beckham wenig bis nichts anfangen können, eine faszinierende Lektüre, weil es einen intimen Einblick in den Alltag einer amerikanischen Profifußball-Franchise bietet. Wahl beschreibt, wie geschickt das Galaxy-Management und die Beckham-Vertrauten den Transfer als "250-Millionen-Dollar-Deal" verkauften, obwohl David Beckhams Fünf-Jahres-Vertrag bei L.A. Galaxy nicht annähernd ein jährliches Salär von 50 Millionen Dollar vorsieht. Tatsächlich verdient Beckham pro Jahr 6,5 Millionen Dollar, womit man sicher aus dem Gröbsten raus ist, was aber eben keine 50 Millionen sind. Die 250 Millionen sind vielmehr jener Betrag, den Beckham inklusive Werbeeinnahmen im günstigsten Fall erzielen könnte. Niemand würde im American Football oder im Basketball Vertragssummen inklusive potentieller Werbeeinnahmen angeben. Aber der Betrag war so atemberaubend, dass er geeignet war, weltweit Aufmerksamkeit zu erregen und der MLS - die gerade in Europa wie ihre Vorgängerin NASL tendenziell den Ruf einer Micky-Maus-Liga hat - eine gewisse Ernsthaftigkeit zu verleihen. Wahl beschreibt ferner, wie Beckham mit seinem 6,5-Millionen-Salär auf Spieler traf, die 12.900 Dollar pro Jahr verdienten. Wie (vergeblich) darauf gewartet wurde, ob Beckham beim ersten gemeinsamen Mannschaftsdinner nach der Rechnung greifen würde, einer in US-Sportteams offenbar üblichen Praxis folgend, dass die Topverdiener sich gegenüber den "Wasserträgern" großzügig zeigen. Wie der bisherige Galaxy-Superstar Landon Donovan gefragt wurde, ob er seine Kapitänsbinde nicht zugunsten Beckhams abgeben könnte, er dies zähneknirschend tat, sich Beckham aber als unfähiger Kapitän erwies, weil er keiner war, der das Wort an sich riß und zumeist auch nicht mit Leistung überzeugen konnte. Wie die Beckham-Vertrauten Klub-Miteigentümer Tim Leiweke überredeten, mit Ruud Gullit einen europäischen Trainer zu verpflichteten, dieser aber aufgrund seiner Unlust, sich mit typisch amerikanischen Problemen wie Draft und Salary Cup zu beschäftigen, und wohl auch aufgrund fachlicher Unzulänglichkeiten katastrophal scheiterte. Quasi nebenbei gewährt Wahl einen Einblick in den Alltag jener Spieler, die lediglich 12.900 Dollar pro Jahr verdienen, jederzeit entlassen werden können, sich zu dritt ein Apartment teilen müssen und sich mit Zweitjobs über Wasser halten. Das Buch ist trotz gelegentlicher Wiederholungen hochspannend, und Wahl bemüht sich sowohl gegenüber Beckham als auch Gullit sichtlich um Fairness. Interessant ist seine Darstellung, wie sich Galaxy-Generalmanager Alexi Lalas reichlich kaltschäuzig über die Befindlichkeiten seines Topstürmers und Kapitäns Landon Donovan hinwegsetzte (und ihn sogar um seine Prämie für den Most Valuable Player-Titel prellen wollte) und wenige Monate später selbst kaltgestellt wurde, als ihm Leiweke Ruud Gullit vor die Nase setzte, ehe er nach katastrophalen Leistungen des Teams beide feuerte. Wenn es einen Aspekt gibt, der in meinen Augen zu kurz kommt, ist es die Thematik "MLS-Franchise für Beckham". In den Medien wurde nach dem Wechsel verbreitet, dass Beckhams Vertrag mit der MLS vorsieht, dass er nach dem Ende seiner aktiven Karriere günstig (oder gar umsonst?) eine MLS-Franchise (z.B. in Miami) erwerben kann. Angesichts der Tatsache, dass MLS-Franchises zuletzt einen Marktwert um 30 bis 40 Millionen Dollar hatten, keine ganz uninteressante Frage, zumal der Standort Miami immer wieder in der Diskussion ist. Zuletzt hieß es bekanntlich, dass sich der FC Barcelona dort ein Farmteam leisten wolle (mehr dazu hier).

Nur bedingt gelungen ist das Cover des Buches. Zwar hat der Verlag ein ganz gutes Foto von Beckham gewählt, aber die für Titel, Untertitel und Autorenzeile gewählten Farben Weinrot und Weiß sind alles andere als optimal, da teilweise schwer zu lesen. Hier wäre etwas mehr Sorgfalt wünschenswert gelesen.

Fazit: Eine wunderbare Idee für ein Sport-Buch, ebenso wunderbar umgesetzt. Wer sich für die MLS interessiert, sollte sich dieses Buch gönnen, denn einen besseren Einblick in die amerikanische Profiliga gibt es auf dem Buchmarkt meines Wissens derzeit nicht.