Sonntag, 2. Mai 2010

Hochspannend: Das Essen im Mittelalter

Robert Fossier
Das Leben im Mittelalter
Piper Verlag GmbH 2009 (4. Auflage)
Sprache: Deutsch
496 Seiten
10,95 Euro

Erhältlich bei Amazon, bei Amazon-Marketplace ab 7,85 Euro zzgl. Porto


Ernst Schubert
Essen und Trinken im Mittelalter
Primus Verlag 2006
Sprache: Deutsch
439 Seiten
39,90 Euro
Erhältlich bei Amazon, bei Amazon-Marketplace ebenfalls nur ab 39,90 Euro (zzgl. Porto), bei Booklooker ab 33,00 Euro (zzgl. Porto)


Vor ein paar Wochen wollte ich mich näher mit dem Thema "Ernährung im Mittelalter" beschäftigen, zu dem es bereits mehrere Darstellungen im Internet gibt (siehe 1 und 2). Nach einigem Stöbern bei Amazon entschied ich mich für für Fossiers vielgerühmte Darstellung des mittelalterlichen Lebens insgesamt und für Schuberts detaillierte Abhandlung über das Essen und Trinken dieser Epoche.

Als Einstieg ist Fossiers Werk, das nicht zuletzt durch seinen bemerkenswerten Preis und sein wunderschönes Design besticht, bestens geeignet. Höchst anschaulich und ungeheuer atmosphärisch beleuchtet der Autor den Alltag der "einfachen" Leute, vom Familienleben über das Wohnen und Arbeiten, Tiere und Pflanzen bis eben - genau - hin zum Essen und Trinken. En passant räumt er mit dem einen oder anderen Vorurteil auf, etwa was die Stellung der Frau oder die Rolle der Kirche angeht. Der Leser erfährt, wie karg der mittelalterliche Mittagstisch in der Regel gedeckt war, weshalb der regelmäßige Genuss von Wein nicht unbedingt ein Zeichen von allzu großer Freude am Rausch war, sondern eine Frage der Gesundheit angesichts des häufig unreinen Wassers und dass die Frage, welches Wild gegessen wurde, nicht unbedingt vom jeweiligen Stand abhing. Fossier schreibt locker und durchaus launig und macht das Mittelalter lebendig. Leider - und das ist mein einziger Kritikpunkt (wenn auch nicht gerade ein kleiner) - gilt das nur für den ersten Teil des Buches. Im zweiten Teil begibt er sich auf eine etwas spirituelle Ebene und verlässt dadurch gerade sein eigentliches Thema, nämlich den Alltag der "ganz normalen" Menschen.

Für denjenigen, der anschließend näher in das Thema "Essen und Trinken im Mittelalter" einsteigen will, ist Schuberts gleichnamiges Werk praktisch ein Muss. Dort, wo Fossier zwangsläufig an der Oberfläche bleiben musste, geht Schubert ins Detail: Brot und Salz, Rind und Schaf, Hering und Stockfisch, Gemüse und Kräuter, Wein und Bier, Mahlzeiten und Tischsitten - nichts, wirklich nichts bleibt unbetrachtet. Das Werk will und soll zweifellos wissenschaftlichen Ansprüchen genügen (und tut dies auch); ich hätte mir manchmal Schuberts Akribie bei der Recherche gemixt mit Fossiers Lockerheit bei der Darstellung gewünscht, denn stellenweise ist Schuberts 400-Seiten-Buch schon ein wenig zähflüssig. Dennoch hat man nach seiner Lektüre ein umfassendes Bild, wie unsere Vorfahren im Mittelalter gegessen und getrunken haben. Schubert kann sich mehrfache Seitenhiebe gegen die heutigen "Essen wie im Mittelalter"-Anpreisungen von Restaurants und Stadtfesten nicht verkneifen, und nach der Lektüre seines Buches wird man ihm aus ganzem Herzen zustimmen. Auch optisch ist das Buch übrigens gelungen, das Cover stimmt auf das Thema bestens ein. Leider ist das Buch im wörtlichen Sinne recht schwer und deshalb als Nachtlektüre im Bett nicht ganz so gut geeignet :-).

Fazit: Zwei weitgehend gelungene Bücher, die sich einführend und vertiefend dem hochspannenden Thema "Essen im Mittelalter" widmen.