Sonntag, 27. Juni 2010

Pflichtlektüre nicht nur für Anhänger des FC Bayern

Thomas Hüetlin
Gute Freunde - Die wahre Geschichte des FC Bayern München
Heyne Verlag 2007
368 Seiten (Tachenbuch-Ausgabe)
Sprache: Deutsch
8,95 Euro

Erhältlich bei Amazon, bei Amazon-Marketplace ab 5,80 Euro (zzgl. Porto)



Hüetlins wunderbares Buch über die Geschichte des FC Bayern München (1960 bis 2001) beweist zum einen, wie wichtig Buchhandlungen auch in der Zeit der Internet-Versandhändler sind. Denn obwohl "Gute Freunde" schon seit drei Jahren auf dem Markt ist, habe ich es erst vor wenigen Wochen durch Zufall beim Stöbern bei Dussmann entdeckt. Zum anderen zeigt Hüetlin höchst eindrucksvoll, wie spannend und kurzweilig die Geschichte eines Vereins erzählt werden kann, über den bereits so viel geschrieben wurde. Gestützt auf gründliche Recherchen und intime Einblicke in das Innenleben des Vereins und insbesondere seiner Führungsspitze beleuchtet der Autor die Entwicklung des FC Bayern anhand des komplizierten Beziehungsgeflechts seiner Hauptprotagonisten - von Neudecker und Willi O. Hoffmann über Beckenbauer und Schwan, Lattek, Hoeneß und Breitner bis hin zu Rummenigge, Matthäus, Hitzfeld und vielen anderen. Zum größten Plus des Buches gehört dabei Hüetlins Schreibstil. Auf lockerleichte Weise jongliert er mit Worten und Wortspielen, und mehr als einmal habe ich beim Lesen laut lachen müssen. Gleichzeitig birgt das 370-Seiten-Werk aber auch Informationen, die man beispielsweise in den kürzlich erschienen Hoeneß-Biographien "Hier ist Hoeneß" und "Das Prinzip Uli Hoeneß" - die ja letztlich auch Bücher über die Geschichte des FC Bayern sind - jedenfalls in dieser Deutlichkeit nicht findet. Beispielsweise die, dass Paul Breitner 1994, als kurzzeitig eine Kampfkandidatur um das Präsidentenamt zwischen Karl-Heinz Rummenigge und Fritz Scherer im Raum stand, gehofft hatte, bei einem Sieg Rummenigges Uli Hoeneß als Manager beerben zu können.

Hüetlin beginnt mit Tschik Cajkovski und dem mühsamen Beginn Anfang der 60er Jahre, wobei er schildert, wie Sepp Maier, Beckenbauer und Gerd Müller ihren Weg zum FC Bayern fanden, widmet sich dann den beiden "Kronprinzen" Hoeneß und Breitner und den Erfolgen in den 70er Jahren bis hin zum beginnenden Niedergang und dem 1979er Putsch der Mannschaft gegen Präsident Neudecker, der Max Merkel installieren wollte. Dann folgen die 80er Jahre mit Rummenigges Aufstieg, dem Bruch der Freundschaft zwischen Hoeneß und Breitner, Latteks Comeback, dem packenden Meisterschaftsduell mit Werder Bremen 1985/86, den verlorenen Europapokalendspielen gegen Aston Villa und den FC Porto und der Ablösung Latteks durch Jupp Heynckes. Im letzten Teil des Buches geht es, allerdings schon deutlich geraffter, um die 90er und 2000er Jahre mit den missglückten Trainer-Versuchen Lerby, Ribbeck und Rehhagel, der Rückkehr von Beckenbauer und Rummenigge und schließlich der Ära Hitzfeld, wobei hier insbesondere die in buchstäblich letzter Sekunde gewonnene Meisterschaft 2001 (welcher Bayern-Fan erinnert sich nicht mit größtem Vergnügen an das belämmerte Gesicht von Rudi Assauer, der sich schon als Meister feiern ließ), die 1999er Tragödie von Barcelona und der Gewinn der Champions League 2001 beleuchtet werden. An dem auch äußerlich ansprechend gestalteten Buch überzeugt neben den oben beschriebenen Pluspunkten auch der Preis: Packend beschriebene vierzig Jahre FC Bayern bekommt man für weniger als zehn Euro. Außerdem wird der Text um ein paar sehr schöne und durchaus seltene Fotos ergänzt.

Was sind die (wenigen) Minuspunkte? Da wäre zum einen der meines Erachtens missglückte Epilog zu nennen, der etwas uninspiriert wirkt und etliche Wiederholungen enthält. Ferner, dies wird auch in einer Rezension bei Amazon deutlich, springt Hüetlin auf das eine oder andere Klischee oder sattsam bekannte und ausgewalzte Dinge (wie Beckenbauers einsamer Rasenspaziergang nach dem 1990er WM-Finale oder Mehmets Scholls "Witz" von den Grünen, die man hängen sollte, solange es noch Bäume gibt). Mitunter springt der Autor auch zeitlich ein wenig hin und her, ohne dass dafür Gründe ersichtlich sind (so wird im Kapitel über die 90er ohne Not noch einmal die Geschichte erzählt, wie Beckenbauer 1984 DFB-Teamchef wurde, oder im Kapitel über die 80er nach dem Abschnitt über Kutzops verschossenen Elfmeter im April 1986 und der kurzen Behandlung des Themas "Ablösesummen" noch einmal die Geschichte vom "Turban-Dieter" Hoeneß und dem Pokalfinale gegen Nürnberg 1982 aufgewärmt). Am meisten aber irritierte mich, dass etliche Spieler im Buch überhaupt nicht vorkommen. Der Autor bedankt sich unter "Danksagung" zwar ausdrücklich bei Manni Schwabl, im Text findet der ehemalige Mittelfeldspieler allerdings kein einziges Mal Erwähnung. Kann man die Geschichte der 80er Jahre des FC Bayern erzählen, ohne Hans Dorfner, Manni Schwabl, Michael Rummenigge oder Jürgen Wegmann (der fußballerisch viel mehr an Gerd Müller erinnerte als heute Thomas Müller) auch nur einmal anzusprechen? Muss nicht der Umstand, dass die Torwartlegende Toni Schumacher auf seine alten Tage noch einmal das Trikot des FC Bayern überstreifte, Erwähnung finden? Aber das sind letztlich kleine Nörgeleien (auch mir ist klar, dass bei 370 Seiten eine Auswahl erfolgen muss), die die Qualität des Buches nicht ernsthaft beeinträchtigen.

Fazit: Dieses Buch gehört ins Bücherregal eines jeden Bayern-Fans, ist aber auch für jene eine wunderbare Lektüre, die sich über die Bundesliga oder das Geschäft "Profifußball" informieren wollen.