Samstag, 16. April 2011

Ein amüsanter Einblick in die Pro Golf Tour

Mark Gimenez
Accused
Little, Brown Book Group 2011
576 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 7,99 Euro

Erhältlich bei Amazon, bei Amazon-Marketplace ab 1,94 Euro (zzgl. Porto)



Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle Mark Gimenez' phantastischen Debütroman "The Colour of Law" besprochen. Darin erzählt der texanische Jurist die Geschichte des erfolgreichen Anwalts A. Scott Fenney aus Dallas, der sich urplötzlich zwischen seiner Karriere und seinem Gewissen entscheiden muss. In diesem Buch lernt der Leser auch Scotts attraktive Frau Rebecca kennen. Für die frühere Cheerleaderin und "Miss SMU" war die bekannte Football-Legende A. Scott Fenney die Eintrittskarte in die Welt des Luxus und des Überflusses: eine Villa im noblen Stadtteil Highland Park, Mitgliedschaft in diversen Clubs, Charityveranstaltungen usw. Gimenez skizziert Rebecca dabei nicht als kalte, berechnende Schönheit: Sie liebte Scott durchaus, "but she would not have married him if he had wanted to coach high school football and live in a small house in the suburbs. She could not separate her love from his ambition." Ihre Beziehung zu dem erfolgreichen Anwalt erfuhr eine erste Erschütterung durch ihre (ungewollten) Schwangerschaft: "Rebecca Fenney was not a squat soccer mom in a minivan. She was a sleek white woman in a black Mercedes coupe!" Doch Scott wollte das Kind unbedingt. "When he gazed on his new daughter in the hospital nursery, it was love at first sight. And Rebecca saw that her place in his heart had been stolen." Doch sie ist keine Frau, die sich damit begnügt, im Leben eines Mannes die Nummer zwei zu sein: "Rebecca Fenney needed a man who needed her more than life itself." Also begann sie eine Affäre mit dem jungen Golflehrer des exklusiven Golfklubs in Highland Park. Und dann, als A. Scott Fenney sich gegen seine Karriere entscheidet und dafür, eine junge schwarze Prostituierte gegen alle Widerstände von dem Vorwurf reinzuwaschen, den Sohn eines mächtigen Senators erschossen zu haben, muss Rebecca erkennen: Ihre und Scotts Ambitionen sind nicht länger die gleichen. Ihr Liebhaber erhält zur gleichen Zeit die Spielberechtigung für die PGA-Tour. Rebecca entscheidet sich, ihre Familie zu verlassen und mit ihm zu gehen: "She would be a golfer's groupie."

Mark Gimenez schrieb nach "The Colour of Law" weitere Bücher, ehe er nun mit "Accused" eine Fortsetzung seines Debütromans präsentiert: Zwei Jahre sind inzwischen vergangen. A. Scott Fenney erhält eines Tages völlig überraschend einen Anruf: "Scott, it's Rebecca. I need you." Aus Rebeccas Liebhaber Trey Rawlins, dem jungen Golflehrer in Highland Park, ist mittlerweile ein höchst erfolgreicher Profi geworden: Turniersiege, millionenschwere Werbeverträge, eine Yacht - erneut führt Rebecca an der Seite eines Mannes genau das Leben, das sie immer führen wollte. Doch als sie eines Nachts in dem gemeinsamen Strandhaus in Treys Heimatstadt Galveston aufwacht, liegt er tot mit einem Messer in der Brust neben ihr. Und auf dem Messer finden sich Rebeccas Fingerabdrücke. Natürlich wird sie des Mordes angeklagt - und ihre einzige Hoffnung ist nun ihr Ex-Mann Scott.

Zu den Stärken Gimenz' zählt, sich von gängigen Klischees fernzuhalten: In jedem anderen Thriller wäre Scotts Gegenspieler, der Bezirksstaatsanwalt von Galveston, ein ehrgeiziger, skrupelloser Hardliner, der die Gelegenheit, den Mord an einem Helden der Stadt zu sühnen, nur zu gern und natürlich im grellen Scheinwerferlicht der Medien beim Schopfe packen würde. Doch Rex Truitt, der DA (District Attorney) in Gimenez' Buch, ein Ebenbild von Ernest Hemingway, ist wohl der sympathischste und fairste Staatsanwalt, der jemals in einem Thriller erschien: "Scott, my job is to see justice done, and I intend to do exactly that. I think that means convicting your wife. But if it means setting her free and convicting someone else, so be it." Allerdings hat Scott Fenney auch ohne einen skrupellosen Staatsanwalt, der ihm das Leben schwer macht, noch genügend Arbeit. Denn Trey Rawlins, so findet er schnell heraus, war nicht der Sunnyboy, für den ihn alle hielten, sondern ein Mann mit zahllosen Lastern und noch mehr Feinden: Er nahm Drogen und spielte, er manipulierte Turniere und hatte Affären mit den Frauen und Töchtern anderer Profis. Leider wirkt das Buch an dieser Stelle ein wenig überfrachtet und damit unglaubhaft. Denn sowohl Drogendealer als auch Vertreter der Wettmafia geben Scott nur allzu gern Auskunft über diese Vorfälle und wiederholen - wenn auch etwas widerwillig - ihre Vorwürfe, als sie später im Prozess gegen Rebecca als Zeugen geladen werden, ohne dass der DA dies zum Anlass nehmen würde, tausend auf der Hand liegende Nachfragen zu stellen. So haben die Gerichtszenen mitunter leider Slapstickcharakter. Das Buch findet ein durchaus überraschendes Ende, wobei es aber zu jenen Büchern gehört, bei denen das Ende vorheriges Geschehen in der Rückschau stellenweise unglaubhaft wirken lässt, wodurch beim Leser ein etwas schales Gefühl zurückbleibt.

Wenn und soweit in Gimenez' Buch starke, ehrgeizige Frauen eine Rolle spielen, sind sie - und das mag die obigen Ausführungen zum Thema "Klischees" ein wenig relativieren - ausnahmslos höchst attraktiv: Sei es die Richterin, die unbedingt Bundesrichterin werden will und Scott während eines gemeinsamen Fluges ein mehr als eindeutiges Angebot macht, oder die junge TV-Journalistin, die den Prozess als Sprungbrett für eine Karriere bei den großen Networks nutzen will und für Informationen kleine und größere Gefälligkeiten bietet. Doch diese Überzeichnungen sind eher amüsant als ärgerlich und trüben das Lesevergnügen kaum.

Neben der wirklich spannenden Handlung, die erst in der zweiten Hälfte des Buches an den oben genannten Überfrachtungen leidet, gewährt Gimenez einen ironischen Einblick in den Alltag der Pro Golf Tour und das Leben der Spieler mit üppigen Werbeverträgen ("Endorsements"), Flügen von einem Turnier zum nächsten und allzu leichtem Zugang zu (natürlich ausnahsmlos ebenfalls attraktiven) Groupies, die aufgrund ihrer leichten Bekleidung nur "two pieces" genannt werden. Golf, so erklärt ein Sportagent gegenüber Scott, ist der "WMWM-Sport": White men with money. Ander als das Publikum bei Football- und Basketballspielen bestehe die Anhängerschaft des Golfsports aus Rechtsanwälten, Ärzten, CEOs: "This place could pass for the fucking Republican National Convention." Und genau das sei auch der Grund, weshalb die Werbedollars weitaus üppiger sprudelten als in anderen Sportarten.

Fazit: Ein außerordentlich gelungenes Buch, wenn auch nicht ganz so gut wie Gimenez' grandioser Debütroman. Wer Fortsetzungen mag, sollte schon deshalb zu "Accused" greifen. Wer einen spannenden Thriller sucht, wird - mit den oben genannten Einschränkungen - ebenfalls bestens bedient, sollte aber zunächst unbedingt "The Colour of Law" lesen. Und wer sich für den Alltag der Pro Golf Tour interessiert, wird an "Accused" ebenfalls großes Vergnügen finden.