
Die geheime Geschichte der Digedags
Lehmstedt Verlag 2010
Sprache: Deutsch
430 Seiten
Preis: 24,90 Euro
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Bei der Lektüre der „Geheimen Geschichte der Digedags“ hatte ich sehr schnell das Gefühl, einen Schatz in der Hand zu halten, der ebenso sorgfältig behandelt werden muss wie früher die heiß begehrten „alten“ Mosaiks. Mark Lehmstedt hat sich mit diesem hervorragenden Buch zweifellos einen Platz im Autoren-Olymp gesichert. 430 prall mit Informationen gefüllte Seiten, höchst detailreich, mit wissenschaftlicher Exaktheit und doch spannend wie ein Krimi, ergänzt um sorgfältig ausgewählte Abbildungen und Fotos, mit einem gerade durch seine Schlichtheit beeindruckenden Design – hier waren ein Autor und ein Verlag am Werk, die Bücher lieben. Und auch wenn man über die stetig steigenden Bücherpreise schimpfen mag, die knapp 25 EUR für Lehmstedts hochwertiges Buch sind wirklich bestens investiert. Denn der Autor sorgt nicht einfach nur (das aber auch!) für allerbeste Unterhaltung. Vielmehr schließt er eine Lücke, indem er zum einen weitaus tiefgründiger und fundierter als seine (wenigen) Vorgänger die turbulenten Jahre der Digedags beleuchtet und zum anderen höchst kritisch ihren Erschaffer „Hannes Hegen“ (Johann Hegenbarth) würdigt. Wenn man im Blick behält, dass Lehmstedt bereits Anfang der neunziger Jahre mit den Recherchen für sein 2010 erschienenes, mit knapp 700 Fußnoten unterfüttertes Werk begonnen hat, kann man ermessen, wie viel Arbeit er in dieses Projekt gesteckt hat. Aber das Ergebnis spricht für sich. Gewiss, es findet – worauf in anderen Besprechungen auch hingewiesen wird – in mancherlei Hinsicht eine Art Entzauberung statt. Aber hierbei handelt es sich nicht um jene Art von (fremdschämender) Enttäuschung, die man verspürt, wenn man sich heute noch einmal das „Ferienheim Bergkristall“ anschaut. Im Gegenteil, die von den Digedags ausgehende Faszination wird gewissermaßen wieder aufpoliert. Aber ihren Erschaffer wird man mit ganz anderen Augen sehen. Denn es war – diese Deutung legt das Buch nahe – in erster Linie Hegenbarth (und nicht die SED, die Zentralleitung der FDJ oder gar die Stasi), der Mitte der siebziger Jahre das Ende des „alten“ Mosaiks herbeiführte und so Millionen Leser um weitere Abenteuer der Digedags geprellt hat.
Lehmstedt beginnt mit einer kurzen Biographie des „Mosaik“-Erfinders, der aus einer sudetendeutschen Glasmacherfamilie stammt und sich zu Beginn seiner Karriere als Zeichner hauptsächlich von Karikaturen für verschiedene Zeitschriften der DDR („Frischer Wind“, „Eulenspiegel“, „Wochenpost“, „Magazin“, „NBI“ und „Deutsche Lehrerzeitung“) verdingte. Im Frühjahr 1955 unterbreitete Hegenbarth dem Verlag Neues Leben Vorschläge für eine „Bilderzählung“. Hierbei hatte er sein Ohr offenbar am Puls des Brachengeschehens, denn der Zeitpunkt seines Angebots war überaus günstig gewählt: Just in dieser Phase gab es im Verlag Stimmen, die neben der seit einiger Zeit erscheinenden „Atze“ ein weiteres DDR-eigenes Comic zur Zurückdrängung der als „Schund und Schmutz“ angesehenen westdeutschen Comics befürworteten und nach (dauerhaft) tragbaren Konzepten suchten. Im Dezember 1955 erschien die erste Ausgabe des „Mosaiks“, und der sensationelle Siegeszug der Digedags begann. Lehmstedt schildert anschaulich, wie aus dem Ein-Mann-Betrieb Hegen das ca. neun- bis zwölfköpfige „Mosaik-Kollektiv“ wurde, wie sich Inhalt und Ausrichtung der Hefte immer wieder änderten (und erst mit der Runkel-Serie beginnen m.E. die wirklich guten Mosaiks), wie die Digedags im Laufe der Jahre ihre „endgültige“ Gestalt erhielten, wie es zum Wechsel vom Verlag Neues Leben zum Verlag Junge Welt kam und vor allem, wie das „Mosaik“ immer wieder von der Einstellung oder aber der grundlegenden Änderung hin zu einem plumpen Propagandainstrument bedroht war. Dabei waren es, wie der überraschte Leser erfährt, übrigens gar nicht immer Pionierleitung, FDJ, SED oder das DDR-Kulturministerium, die den Digedags den Garaus machen wollten. Im Gegenteil, das höchst profitable Heft, das mit seinen immensen Gewinnen andere defizitäre Verlagsprodukte stützte, hatte in den verschiedenen Machtzentren auch Fürsprecher. Mitunter wurden kritische Stimmen vielmehr von konkurrierenden Verlagen lanciert oder kamen (zumindest scheinbar) gar „von unten“. So beschwerte sich eine Bibliothekarin aus Halle im Januar 1959 mit einem vierseitigen Brief an das Kulturministerium über „unwissenschaftliche Spinnereien“, „Sensationshascherei“ und – man höre und staune – eine „aparte sexuelle Note“ in den Mosaiks. Trotz der kaum verhüllten Drohung, alle Kinderbibliothekare der DDR gegen das Heft mobilisieren zu wollen, tat das Kulturministerium erst einmal - nichts. Aber auch „von oben“ drohte mehrfach Gefahr. So 1959/60, als überlegt wurde, den Digedags künftig weniger Platz einzuräumen und daneben eine „Pioniergruppe Pfiffikus“ auftreten zu lassen, deren „lustige Erlebnisse“ etwa beim „Geländespiel“ oder bei der „Hilfe für Rentner“ geschildert werden sollten.
Natürlich beschreibt Lehmstedt auch das Ende der Digedags und den schwierigen Wechsel hin zu den von Hegenbarth vehement als Plagiat bekämpften Abrafaxen in den „neuen“ Mosaiks. Spätestens an dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass der Autor leider keinen Zugang zu Hegenbarth selbst erhielt. Der hatte nach der Wende zwar, wie Lehmstedt etwas schmallippig anmerkt, ein Mosaik-Fan-Buch ohne jeden analytischen Anspruch durch großzügige Abbildungs-genehmigungen unterstützt, eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk indes nie gefördert. Da somit eine der wichtigsten (wenngleich nicht objektivsten) Erkenntnisquellen nicht ausgeschöpft werden konnte, bleiben etliche Fragen unbeantwortet. So wird jedenfalls mir nicht klar, wieso Hegenbarth von Anfang in einer geradezu unheimlich starken Position war und bis zum Ende der Digedags das Heft des Handelns derart fest in der Hand halten konnte. Das beginnt bereits mit seinem ersten Verlagsvertrag. Ja, der Verlag wollte eine Bildgeschichte, und Hegenbarth konnte sie liefern, war also zur rechten Zeit am rechten Ort. Aber letztlich brauchte er den Verlag mindestens genauso dringend wie dieser ihn. Die Etablierung des Heftes in der Presselandschaft der DDR war wahrlich kein Selbstläufer, und die späteren zahllosen Angriffe gegen das „Mosaik“ zwangen dessen Unterstützer zu einem ständigen – von Lehmstedt anschaulich beschriebenen - Lavieren und Taktieren zwischen diversen Fronten. Wie es Hegenbarth unter diesem Umständen gelang, schon für das erste, noch 32seitige Heft ein Honorar von 25.000 Mark herauszuhandeln (1955!), bleibt ebenso unbegreiflich wie der Umstand, dass er sich auch später, als die Hefte vom „Mosaik-Kollektiv“ unter seiner mehr oder weniger dichten Anleitung gestaltet wurden, neben einem üppigen Monatssalär von etwa 12.000 Mark (die anderen Mitarbeiter erhielten z.T. nicht einmal ein Zehntel dieser Summe) auch nahezu sämtliche Urheberrechte sichern konnte. Denn das Mosaik war, auch dies wird von Lehmstedt herausgearbeitet, längst kein Autoren-Comic (mehr), also kein Produkt des Einzelkünstlers Hegenbarth, sondern ein Teamprodukt. Der Qualität des Heftes hat dies, nebenbei bemerkt, äußerst gut getan. Denn man betrachte einmal die noch stark karikaturistischen Hegenbarth-Digedags der ersten Hefte und ihr heutiges, wesentlich gefälligeres und „endgültiges“ Aussehen, das nach Lehmstedts Darstellung maßgeblich von der Grafikerin Lona Rietschel und eben nicht von Hegenbarth gestaltet wurde. Den schöpferischen Anteil des an der inhaltlichen Ausrichtung der Hefte maßgeblich beteiligten und für die Texte (und damit den Großteil des Witzes) allein verantwortlichen Lothar Dräger schätzt Lehmstedt auf fünfzig Prozent. Doch er wurde von Hegenbarth mit mauen zehn Prozent abgespeist. Womit natürlich mehr für diesen selbst blieb: Der Digedags-Erfinder ist mit den Mosaiks reich geworden. So verdiente er im Laufe von etwa achtzehn Jahren allein rund zwei Millionen Mark mit den monatlich erscheinenden Heften. Neuauflagen und Sammelbände spülten zusätzliche, teilweise sechsstellige Beträge in seine Kasse.
Aber wieso, muss man sich zwangsläufig fragen, sollte Hegenbarth dann selbst das Ende der Digedags herbeigeführt haben? Lehmstedt kann die Umstände, die zum Ende des „Mosaiks“ führten, nicht vollständig rekonstruieren, macht aber eines deutlich: Verlag und Zentralrat der FDJ waren nach Lage der Dinge an einer Fortführung des Heftes interessiert. Demgegenüber präsentierte Hegenbarth Gründe (die angesichts früher zu überwindender Schwierigkeiten nachgerade lächerlich wirken), aus denen er künftig leider nur noch sechs und nicht mehr zwölf Hefte pro Jahr gestalten könne. In diesem Zusammenhang berichtet Lehmstedt, dass Hegenbarth ab Anfang der siebziger Jahre mit dem Bau einer Villa auf einem Wassergrundstück im Süden Berlins beschäftigt war und seinen Mitarbeitern erklärt habe, wie viel schöner es doch sei, nicht ständig am „Mosaik“ arbeiten zu müssen, sondern die Hälfte der Woche am Wasser verbringen zu können. Insofern wird man mutmaßen dürfen, dass Hegenbarth inzwischen einfach genug Geld verdient und schlichtweg keine Lust mehr hatte, das „Mosaik“ im bisherigen Umfang weiterzuführen. Statt eines klaren „Ich will nicht mehr!“ entschied er sich für einen vergifteten Vorschlag, den der Verlag aus nachvollziehbaren Gründen nicht annehmen konnte. Für mich höchst erstaunlich war übrigens, wie rechtsstaatlich sich Verlag und FDJ-Zentralrat in dieser Phase gegenüber Hegenbarth verhalten haben. Was hätte angesichts des sonstigen alltäglichen Unrechts in der DDR näher gelegen, als einfach ohne Hegenbarths Zustimmung mit den beliebten „Digedags“ weiterzumachen? Immerhin verfasste der (von urheberrechtlichen Kenntnissen allerdings offenbar weitgehend unbelastete) DDR-„Staranwalt“ Karl Friedrich Kaul sogar ein Rechtsgutachten, wonach Hegenbarth angesichts der an ihn gezahlten Millionen-Vergütung keinerlei Schutzrechte an den Digedags mehr zustünden - eine andere Sichtweise liefe „den Interessen unserer sozialistischen Gesellschaft zuwider“. Mit derartigen Begründungen wurde, wie gesagt, auch weitaus größeres Unrecht begangen. Doch der Verlag tat, gestützt auf ein gegenteiliges Gutachten seines eigenen Justitiars, alles, um mit Hegenbarth, der wegen der „Abrafaxe“ eine Klage beim Bezirksgericht Leipzig (wegen Verletzung seines Urheberrechts) angestrengt hatte, zu einer friedlichen Einigung zu gelangen. Was auch gelang. Leider, möchte man sagen. Denn der geneigte Leser kommt nach der Lektüre von Lehmstedts Buch nicht umhin, sich eine Klage der anderen Mitarbeiter des „Mosaik-Kollektivs“ gegen ihren früheren Chef mit dem Ziel einer dem jeweiligen tatsächlichen schöpferischen Anteil entsprechenden Aufteilung der rund zwei Millionen Mark zu wünschen.
Fazit: Lehmstedts hochspannendes Buch ist ein absolutes Muss für jeden, der die Faszination der "Digedags" jemals erlebt hat. Ein großes Buch!