Marc BennettsFootball Dynamo - Modern Russia And The Peoples Game
Taschenbuch
Random House 2009
304 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 8,99 GBP
Bei Amazon erhältlich für 10,99 Euro, bei Amazon-Marketplace ab 6,09 Euro zzgl. Porto
Spätestens mit dem spektakulären Wechsel Kevin Kurányis zu Dynamo Moskau im Sommer 2010 geriet die russische Premier League auch hierzulande etwas mehr in den Blickpunkt. Die Sowjetunion brachte zwar Ausnahmekönner wie Lew Jaschin und Oleg Blochin hervor, aber die Weltsportart Nummer eins hatte und hat es dennoch schwer im Riesenreich zwischen Wolga und Ural. Die sechzehn Vereine der Premier League können im Schnitt gerade einmal acht- bis zwanzigtausend Zuschauer begrüßen. Ähnlich wie die amerikanische Major League Soccer sieht sich auch die russische Premier League mit Herausforderungen wie extrem langen Reisen zu Auswärtsspielen in verschiedenen Klima- und bis zu acht Zeitzonen konfrontiert, erstreckt sie sich doch von Kaliningrad bis nach Chabarowsk. Genau wie in Amerika lief auch die Saison in Russland bislang von Frühjahr bis Herbst. Dies soll sich mit der Übergangssaison 2011/12 hin zu einem europäischen Modus indes ändern.
Erfreulicherweise kommt der ehemalige Schalker Nationalstürmer Kevin Kurányi in Moskau außerordentlich gut zurecht: 2010 wurde er bei Dynamo zum Spieler der Saison gewählt, und in der laufenden Serie – sein Team steht derzeit auf Platz drei – war er bereits an sechzehn Toren als Vollstrecker oder Vorbereiter beteiligt. Neben Kuranyi spielen übrigens auch andere Stars wie Samuel Eto’o, Welliton oder Emmanuel Emenike in der Russian Premier League. Ermöglicht wird dies durch die hinter den Vereinen stehenden Großkonzerne und Oligarchen. Kevin Kurányi soll in Moskau angeblich 5,7 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Bereits etliche Jahre vor seiner Verpflichtung versuchte Dynamo, vor allem gestützt auf einen Sponsorenvertrag mit Xerox, den Erfolg zu kaufen: Für über 100 Millionen Dollar wurden neun portugiesische Topspieler, unter ihnen Maniche und Costinha, an die Moskwa geholt. Der vom mächtigen Konzern Gazprom unterstützte Klub Zenit Sankt Petersburg investierte 2006 über 50 Millionen Dollar in neue Spieler. Angesichts derartiger Zahlen gilt die Liga einigen inzwischen als das neue Eldorado. Grund genug, sich ein wenig intensiver mit dem russischen Fußball zu befassen.
Einen ersten Einstieg bietet hier der britische Journalist Marc Bennetts mit seinem 2008 erschienen Buch „Football Dynamo – Modern Russia And The Peoples Game“, das die Entwicklung der Premier League nach dem Zerfall der Sowjetunion und die Rolle der russischen Nationalelf beleuchtet. Bennetts beginnt mit der Hauptstadt Moskau, in der unter anderem die Traditionsklubs Spartak, Dynamo, ZSKA, Lokomotive und Torpedo beheimatet sind. Dann zieht er weiter nach St. Petersburg und schließlich in die Provinz und berichtet gleichzeitig, wie sich der russische Fußballverband nach etlichen Misserfolgen im Sommer 2006 schweren Herzens zur Verpflichtung eines Ausländers - Guus Hiddink – durchrang und erste Anfangserfolge bei der Europameisterschaft 2008 feierte. Er spricht über Eintrittsgelder und die Einge-wöhnungsschwierigkeiten ausländischer Spieler, lässt Fans zu Wort kommen und nimmt sich auch so brisanter Themen wie etwa dem „Match-fixing“ an. Bis heute wird der russische Fußball immer wieder von tatsächlichen und vermeintlichen Bestechungsskandalen und Ergebnisabsprachen erschüttert. Allerdings widmet Bennetts dieser Problematik so viel Raum, dass man nahezu die Lust verliert, sich noch weiter mit der Liga zu beschäftigen.
Der Leser erhält durch das Buch nicht nur einen Überblick über den aktuellen Stand des Fußballs, sondern erfährt auch viel über die „russische Seele“ und das Lebensgefühl der Menschen. Bennetts, der selbst mit einer Russin verheiratet ist und seit über zehn Jahren in Moskau lebt, schildert seine (oft schwierigen) Recherchen - Treffen mit Klubpräsidenten und Spielern, Besuche in gut bewachten Trainingskomplexen, die oft wiederholten und mitunter vergeblichen Interviewanfragen. Teilweise erhielt er von seinen Gesprächspartnern auch „wohlmeinende“ Ratschläge wie jenen, sich doch lieber auf den Fußball an sich zu beschränken und die Skandale unbeachtet zu lassen. Seine stärksten Momente hat das Buch bei der Schilderung dieser und ähnlicher Situationen. Etwa, wenn der Leser erfährt, dass der neuverpflichtete Nationaltrainer Guus Hiddink an seinem ersten Arbeitstag im „Schlabberloook“ und in Sandalen erschien – für viele ein Unding, denn, so Bennetts, „Russians are sticklers for dress codes“. Oder bei der Schilderung, wie Präsident Putin das Team von ZSKA Moskau nach dem UEFA-Cup-Sieg 2005 in seiner Datscha empfing. Obgleich er sich bekanntlich bei jeder Gelegenheit als „sportlicher“ Staatsmann geriert (gern mit freiem Oberkörper), ist Putin überraschenderweise kein Fußballfan. In seinen ersten Jahren als Präsident, so Bennetts, habe er zwar gelegentlich einige Spiele besucht, inzwischen aber längst darauf verzichtet, irgendein echtes Interesse an dem Sport zu heucheln. Als er die Kicker von ZSKA empfing, hielt er zunächst eine kurze Rede, um dann ein wenig mit einem ihm gereichten Ball herumzujonglieren. Obwohl er ihn nur einige wenige Male in der Luft halten konnte, applaudierten die Spieler höflich – und die Brasilianer im Team grinsten betreten, „als der Führer des größten Landes der Welt Fußballfertigkeiten zeigte, mit denen sich jedes fünfjährige Mädchen an den Stränden daheim blamieren würde“.
Mein Problem mit derartigen Passagen ist: Es sind ihrer zu wenige. Über weite Strecken bleibt Bennetts’ Buch zu distanziert, zu wenig atmosphärisch, zu „steril“. Ich sehe die supermodernen Trainingszentren nicht, in denen die Spieler vor den Partien kaserniert werden. Ich sehe nicht, wie die Legionäre in Moskau oder in der Provinz leben. Stattdessen finden sich, mitunter ein wenig wahllos aneinander gereiht, kurze geschichtliche Abrisse, schematische Schilderungen von Spielen, etwas bemüht anmutende Verweise auf die russische Literatur und Ausflüge in die Politik, die häufig überhaupt keinen oder bestenfalls einen entfernten Bezug zum Sujet haben. So erfährt der Leser en passant, dass der frühere sowjetische Geheimdienstchef Berija auf Moskauer Straßen von seinen Schergen ihm gefallende Frauen aufsammeln ließ, die er später in seiner Wohnung vergewaltigte, und dass viele Jahre später bei der Renovierung seiner Residenz überall Skelette gefunden wurden. Der Leser wird auch darüber informiert, dass in der russischen Armee Rekrutenmisshandlungen gang und gäbe sind und in einem besonders schlimmen Fall Ende 2005 die Amputation beider Beine und der Genitalien eines Soldaten erfolgen musste. Das alles ist schlimm und grausam, hat aber in einem Buch über den russischen Fußball nichts zu suchen. Ohnehin gelingt dem Autor die notwendige Selbstbeschränkung nicht. Zu viel will er in die dreihundert Seiten hineinpacken, zu sehr will er dem Leser „sein“ Russland zeigen, als dass wirkliche Dichte oder gar Spannung erzeugt werden könnten. Dennoch lohnt die Lektüre, weil es – leider – ein vergleichbares Konkurrenzwerk zum russischen Fußball nicht gibt.
Fazit: Eine interessante, wenngleich nicht vollumfänglich überzeugende Einsteigerlektüre.
Erfreulicherweise kommt der ehemalige Schalker Nationalstürmer Kevin Kurányi in Moskau außerordentlich gut zurecht: 2010 wurde er bei Dynamo zum Spieler der Saison gewählt, und in der laufenden Serie – sein Team steht derzeit auf Platz drei – war er bereits an sechzehn Toren als Vollstrecker oder Vorbereiter beteiligt. Neben Kuranyi spielen übrigens auch andere Stars wie Samuel Eto’o, Welliton oder Emmanuel Emenike in der Russian Premier League. Ermöglicht wird dies durch die hinter den Vereinen stehenden Großkonzerne und Oligarchen. Kevin Kurányi soll in Moskau angeblich 5,7 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Bereits etliche Jahre vor seiner Verpflichtung versuchte Dynamo, vor allem gestützt auf einen Sponsorenvertrag mit Xerox, den Erfolg zu kaufen: Für über 100 Millionen Dollar wurden neun portugiesische Topspieler, unter ihnen Maniche und Costinha, an die Moskwa geholt. Der vom mächtigen Konzern Gazprom unterstützte Klub Zenit Sankt Petersburg investierte 2006 über 50 Millionen Dollar in neue Spieler. Angesichts derartiger Zahlen gilt die Liga einigen inzwischen als das neue Eldorado. Grund genug, sich ein wenig intensiver mit dem russischen Fußball zu befassen.
Einen ersten Einstieg bietet hier der britische Journalist Marc Bennetts mit seinem 2008 erschienen Buch „Football Dynamo – Modern Russia And The Peoples Game“, das die Entwicklung der Premier League nach dem Zerfall der Sowjetunion und die Rolle der russischen Nationalelf beleuchtet. Bennetts beginnt mit der Hauptstadt Moskau, in der unter anderem die Traditionsklubs Spartak, Dynamo, ZSKA, Lokomotive und Torpedo beheimatet sind. Dann zieht er weiter nach St. Petersburg und schließlich in die Provinz und berichtet gleichzeitig, wie sich der russische Fußballverband nach etlichen Misserfolgen im Sommer 2006 schweren Herzens zur Verpflichtung eines Ausländers - Guus Hiddink – durchrang und erste Anfangserfolge bei der Europameisterschaft 2008 feierte. Er spricht über Eintrittsgelder und die Einge-wöhnungsschwierigkeiten ausländischer Spieler, lässt Fans zu Wort kommen und nimmt sich auch so brisanter Themen wie etwa dem „Match-fixing“ an. Bis heute wird der russische Fußball immer wieder von tatsächlichen und vermeintlichen Bestechungsskandalen und Ergebnisabsprachen erschüttert. Allerdings widmet Bennetts dieser Problematik so viel Raum, dass man nahezu die Lust verliert, sich noch weiter mit der Liga zu beschäftigen.
Der Leser erhält durch das Buch nicht nur einen Überblick über den aktuellen Stand des Fußballs, sondern erfährt auch viel über die „russische Seele“ und das Lebensgefühl der Menschen. Bennetts, der selbst mit einer Russin verheiratet ist und seit über zehn Jahren in Moskau lebt, schildert seine (oft schwierigen) Recherchen - Treffen mit Klubpräsidenten und Spielern, Besuche in gut bewachten Trainingskomplexen, die oft wiederholten und mitunter vergeblichen Interviewanfragen. Teilweise erhielt er von seinen Gesprächspartnern auch „wohlmeinende“ Ratschläge wie jenen, sich doch lieber auf den Fußball an sich zu beschränken und die Skandale unbeachtet zu lassen. Seine stärksten Momente hat das Buch bei der Schilderung dieser und ähnlicher Situationen. Etwa, wenn der Leser erfährt, dass der neuverpflichtete Nationaltrainer Guus Hiddink an seinem ersten Arbeitstag im „Schlabberloook“ und in Sandalen erschien – für viele ein Unding, denn, so Bennetts, „Russians are sticklers for dress codes“. Oder bei der Schilderung, wie Präsident Putin das Team von ZSKA Moskau nach dem UEFA-Cup-Sieg 2005 in seiner Datscha empfing. Obgleich er sich bekanntlich bei jeder Gelegenheit als „sportlicher“ Staatsmann geriert (gern mit freiem Oberkörper), ist Putin überraschenderweise kein Fußballfan. In seinen ersten Jahren als Präsident, so Bennetts, habe er zwar gelegentlich einige Spiele besucht, inzwischen aber längst darauf verzichtet, irgendein echtes Interesse an dem Sport zu heucheln. Als er die Kicker von ZSKA empfing, hielt er zunächst eine kurze Rede, um dann ein wenig mit einem ihm gereichten Ball herumzujonglieren. Obwohl er ihn nur einige wenige Male in der Luft halten konnte, applaudierten die Spieler höflich – und die Brasilianer im Team grinsten betreten, „als der Führer des größten Landes der Welt Fußballfertigkeiten zeigte, mit denen sich jedes fünfjährige Mädchen an den Stränden daheim blamieren würde“.
Mein Problem mit derartigen Passagen ist: Es sind ihrer zu wenige. Über weite Strecken bleibt Bennetts’ Buch zu distanziert, zu wenig atmosphärisch, zu „steril“. Ich sehe die supermodernen Trainingszentren nicht, in denen die Spieler vor den Partien kaserniert werden. Ich sehe nicht, wie die Legionäre in Moskau oder in der Provinz leben. Stattdessen finden sich, mitunter ein wenig wahllos aneinander gereiht, kurze geschichtliche Abrisse, schematische Schilderungen von Spielen, etwas bemüht anmutende Verweise auf die russische Literatur und Ausflüge in die Politik, die häufig überhaupt keinen oder bestenfalls einen entfernten Bezug zum Sujet haben. So erfährt der Leser en passant, dass der frühere sowjetische Geheimdienstchef Berija auf Moskauer Straßen von seinen Schergen ihm gefallende Frauen aufsammeln ließ, die er später in seiner Wohnung vergewaltigte, und dass viele Jahre später bei der Renovierung seiner Residenz überall Skelette gefunden wurden. Der Leser wird auch darüber informiert, dass in der russischen Armee Rekrutenmisshandlungen gang und gäbe sind und in einem besonders schlimmen Fall Ende 2005 die Amputation beider Beine und der Genitalien eines Soldaten erfolgen musste. Das alles ist schlimm und grausam, hat aber in einem Buch über den russischen Fußball nichts zu suchen. Ohnehin gelingt dem Autor die notwendige Selbstbeschränkung nicht. Zu viel will er in die dreihundert Seiten hineinpacken, zu sehr will er dem Leser „sein“ Russland zeigen, als dass wirkliche Dichte oder gar Spannung erzeugt werden könnten. Dennoch lohnt die Lektüre, weil es – leider – ein vergleichbares Konkurrenzwerk zum russischen Fußball nicht gibt.
Fazit: Eine interessante, wenngleich nicht vollumfänglich überzeugende Einsteigerlektüre.